Westhovener Aue

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Die Westhovener Aue war jahrhundertelang ein natürliches Überschwemmungsgebiet des Rheins. Dann durchlebte sie ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine wechselvolle Geschichte, wurde bewohnt, industrialisiert, militarisiert und im 21. Jahrhundert in einem kleineren Teil in ein geschütztes Biotop und Überschwemmungsgebiet zurückverwandelt. Dies soll im Folgenden knapp beschrieben werden, zahlreiche Stichwörter führen als Links zu vertiefenden anderen Seiten dieses Wikis.

Ausschnitt Plan der Stadt Köln, 1924

Geografie[Bearbeiten]

Lage[Bearbeiten]

Grenzen und Größe der Westhovener Aue sind nicht amtlich festgelegt. Heute wird häufig nur eine renaturisierte Fläche zwischen der alten Militärringstraße (In der Westhovener Aue), der nördlichen Industriebebauung sowie dem Sportplatz, dem Friedhof und der östlichen Wohnbebauung so genannt. Doch tatsächlich ist dieses Gebiet nur der kleinere Teil (rund 80 Hektar). In ihrer größten Ausdehnung umfasst die ursprüngliche Aue als Hochflutbereich ein Gebiet von 215 Hektar und definiert sich über eine Fläche, die mit 44 bis 47 Meter über NN rund 3 bis 9 Meter tiefer liegt als die umgebende Niederterrasse des Rheins. Ihre Grenzen beginnen im Osten kurz vor dem Stromkilometer 681 an der abknickenden Rheinaustraße. Dann zieht sich die Senke leicht südlich der Oberstraße (was dieser ihren Namen gibt) in verlängerter Linie bis zur Kölner Straße und reicht unter Einschluss der heutigen Autobahnanschlüsse bis in das Poller Gebiet, um dann in einer Linie nach Südwesten bei Stromkilometer 684,4 wieder den Rhein zu erreichen. Rheinkarten bezeichnen diesen Abschnitt auch als Rosamentsgrund. Geologisch liegen auch das Westhovener Wasserwerk und das Gremberger Wäldchen in dieser Niederung.

Noch um das Jahr 1900 waren Nikolausstraße und Rheinaustraße nur spärlich bebaut, der Kielshof sowie wenige Gehöfte und Häuser bildeten das Unterdorf von Westhoven.

Bodenbeschaffenheit[Bearbeiten]

Als Überschwemmungsgebiet finden sich in der Aue die typischen Flußablagerungen, wobei sich unter einem Lössboden zunächst eine Lehmschicht und darunter eine sehr dicke Kiesschicht verbirgt. Die Kiesschicht ist mit schweren Steinen durchsetzt, sie reichte früher weit in den Rhein hinein. Im Flußbett ließ die Rheinstrombauverwaltung zur Sicherung der Schifffahrt die Kiesbänke bereits im Jahr 1890 durch Abbaggerungen beseitigen, bzw. mit dem Material Kribben anlegen und verfüllen. Der Kies - und Lehmabbau auf dem Land begann um 1911 (siehe unten). Landwirtschaftlich war die an sich fruchtbare Aue nur zum Weidenschnitt und als Weideland nutzbar, die häufigen Überschwemmungen durch Hochwasser stellten für Ackerbau ein zu hohes Risiko dar. In den 100 Jahren von 1920 bis 2020 wurde die Aue 23-mal überflutet.

Industrielle Nutzung[Bearbeiten]

Ringofenziegelei[Bearbeiten]

Die industrielle Nutzung der Westhovener Aue begann in der Folge von Planungen für eine Villenkolonie. Investoren planten ab 1910 eine Gartenstadt Westhoven und erwarben große Flächen westlich der Nikolausstraße und nordöstlich der Oberstraße. Ziegelsteine für den Gebäudebau selber mit eigenem Erdmaterial herzustellen, hatten in Porz die Spiegelglaswerke Germania 1899/1900 und die Alexianer bei ihrem Krankenhausbau 1905-1908 erfolgreich vorgemacht. So errichteten auch die Investoren für den Villenbau 1910/11 eine Ringofenziegelei westlich der Nikolaussstraße. Die Ziegelei wurde nach dem Konkurs der Investorenfirma ein Unternehmen der Gebrüder Mannesmann und stellte für zahlreiche ab 1916 errichtete Fabrikgebäude Ziegel her. Dann wurde sie verpachtet und schließlich wohl von den Geschwistern Offermanns erworben. Bis 1956 war die Ziegelei in Betrieb, ihr Schornstein stand noch bis in den Anfang der 1960er Jahre.

Sand- und Kiesbaggerei[Bearbeiten]

Die Investoren der geplanten Villensiedlung verpachteten 1914 zudem eine Fläche von 37,5 Hektar in der Aue zur Ausbeutung an eine Rheinkies- und Sandbaggereigesellschaft, die Kölner Unternehmern gehörte. Diese schloss einen Vertrag mit der Staatsbahn und transportierte den geförderten Kies über eine Lorenstrecke zum Bahnhof Westhoven. Hier wurde der Kies auf Waggons der Staatsbahn umgeladen. Um 1916 gab es Veränderungen in den Eigentümerverhältnissen, vermutlich wurden die Gebrüder Mannesmann Mehrheitseigner. Nachdem die Staatsbahn zu Beginn der 1920er Jahre den Vertrag kündigte, weil sie nun keinen Rheinkies mehr für ihren Gleisoberbau verwendete und die Rheinlandbesetzung ab Februar 1923 den Abtransport per Bahn unmöglich machte, stellte die Gesellschaft die Förderung ein und wurde zwei Jahre später von Amts wegen gelöscht. Das Kiesgrubengelände verwandelte sich in ein Baggerloch, von Wiesen umgeben - ein Geheimtipp für Schwimmer. Doch das Idyll währte nur bis 1935, dann kamen die Pioniere. Erst im 21. Jahrhundert verwandelt sich die ehemalige Kiesgrube wieder in einen naturnahen Teich.

Frühere militärische Nutzung[Bearbeiten]

Erste militärische Bauten entstanden in der Westhovener Aue durch die Anlage eines äußeren Kölner Festungsrings. Hierzu erwarb die Stadt Köln zur Nutzung durch den Preußischen Staat 1877 Flächen der Aue und das Militär schuf als Festungsbauwerke das Fort IX, das Zwischenwerk IXa und einzelne Infanterieräume. 1907 und 1914 kamen weitere betonierte Infanteriestützpunkte hinzu. Östlich all dieser Bauwerke waren Rayons angelegt - weite Zonen für ein freies Schussfeld. Die Infanteriestützpunkte wurden 1925 geschleift, das Fort (heute in der Mudra-Kaserne gelegen) und Teile des Zwischenwerks (heute ein Fledermaus-Schutzraum) sind bis in die Gegenwart erhalten geblieben.

Pioniere der Reichswehr[Bearbeiten]

Die erneute und diesmal deutlich wahrnehmbarere Militarisierung der Westhovener Aue begann 1935 in der NS-Zeit mit dem verdeckten Bau der späteren Unverzagt-Kaserne, was die sofortige Sperrung nicht nur weiter Teile der Aue, sondern auch des Leinpfads mit sich brachte. Damit war der bisherige rechtsrheinische unbefestigte Uferweg zwischen Westhoven und Poll unterbrochen. Bereits 1936 zog das erste Pionier-Bataillon ein. In den Jahren 1937/38 entstand zudem auf der anderen Seite der Kölner Straße die Mudra-Kaserne und wurde ebenfalls mit Pionieren belegt. Für die Pioniereinheiten waren die ehemalige Kiesgrube und der nahe Rhein ein ideales Übungsgelände. Der Wasserübungsplatz am Rhein wurde durch einen kleinen Motorboothafen ergänzt. An der ehemaligen Kiesgrube vertieften die Pioniere den ersten, abgesenkten Abschnitt der früheren Feldbahnstrecke zu einem Wasserkanal und konnten so das Brückenbauen üben.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, zeigte sich die Aue verwüstet: Hinter löchrigem Stachelraht hatten Bomben, Granaten und Schützengräben den Boden durchwühlt und mit Munitionsresten gespickt. In den Kasernengebäuden suchten Flüchtlinge und Ausgebombte neuen Wohnraum.
Zudem war zwischenzeitlich durch die Aue eine bleibende Schneise geschlagen - seit 1939/1941 markierte die Reichsautobahn mit ihrer zerstörten Adolf-Hitler-Brücke die Grenze zwischen Westhoven und Poll. Erst 1954 wurde hier der Verkehr über die neue Rodenkirchener Autobahnbrücke wieder freigegeben.

Pioniere des Belgischen Militärs[Bearbeiten]

Im Jahr 1951 wurden die beiden Kasernen für das belgische Militär wiederhergestellt. Die Unverzagt-Kaserne wurde zum Quartier Adjudant Brasseur, die Mudra-Kaserne zum Quartier Nieuwpoort[1]. Zudem entstand neben dem Wasserwerk eine dritte Kaserne, das Quartier Passendale. Alle drei Kasernen wurden mit Pioniereinheiten belegt, die so das Übungsgelände der Wehrmacht weiter nutzten. Für das schwere Gerät entstanden neue Hallen und die Aue wurde erneut militärisches Sperrgebiet. Erst 1985 wurde zumindest der Leinpfad Samstags und Sonntags tagsüber geöffnet, dabei als "Transitstrecke" links und rechts durch stacheldrahtbewehrte Zäune begrenzt. Mit der deutschen Wiedervereinigung fand das belgische Mandat sein Ende, 1995 waren die Kasernen Brasseur und Passendale geräumt. Die Flächen in der Aue fielen zunächst an den Bund und wurden von der Stadt Köln erworben.

Naherholungsgebiet und Biotop[Bearbeiten]

Freizeitziel[Bearbeiten]

Bereits in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war die Westhovener Aue ein beliebtes Freizeitziel. Sie war aus dem Linksrheinischen über Fährverbindungen, ab 1911 auch zu Fuß über die Südbrücke zu erreichen. Gastronomie boten schon früh das Poller Fischerhaus, der Kielshof und das Wiesenhaus. Zeitweise bestanden hier auch sogenannte Luftbäder als Sonnenliegewiesen und ein privates Strandbad. Auch der Rhein-Kanu-Club und der Rhenania Schwimmverein waren hier aktiv und hatten eigene Gelände. Am Weidenweg wurden zu dieser Zeit auch einige schmucke Wochenendhäuser errichtet. Die militärische Nutzung, der Bau der Autobahnbrücke und Kriegsereignisse zerstörten dann zunächst nachhaltig die Idylle und die Ausflugslokale.

Zwar öffneten 1948 das Wiesenhaus und 1952 das Poller Fischerhaus erneut, doch sie waren von Westhoven abgeschnitten. Der Kielshof hingegen wurde einer anderen Nutzung zugeführt. Die Stadt Köln errichtete am Rhein zur Mitte der 1950er Jahre westlich der Autobahnbrücke einen städtischen Campingplatz. Die Auenflächen zwischen der Autobahn und dem Militärgelände gehörten bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Stadt Köln. Sie verpachtete Flächen zwischen dem Poller Weg und der Straße In der Westhovener Aue im Jahr 1982 an die heutigen beiden Kleingartenvereine KGV Westhovener Aue e.V. mit 122 Gärten und KGV Am Eichenwald e.V. mit 67 Gärten.

Geschütztes Biotop[Bearbeiten]

Zwischen 1995 und dem Jahr 2005 wurden die militärischen Anlagen in der Aue bis auf das preußische Vorwerk abgerissen und der Boden weitgehend entsiegelt. Zugleich wurde diese Fläche zum Retentionsgebiet für Hochwasser und zum Landschaftsschutzgebiet erklärt, durch Rodungen und Anpflanzungen von auentypischen Gehölzen entstanden planmäßig Wiesenflächen (gehölzfreie Aue), Buschwerke (Weichholzaue) und ein kleiner Waldbestand (Hartholzaue). So wurden auch Lebensräume für seltene und bedrohte Tierarten geschaffen, darunter die Wechselkröte sowie der Steinkauz und der Waldkauz.

Historische Objekte heute[Bearbeiten]

Wer heute das Areal der Westhovener Aue besucht, findet nur noch wenige Stellen und Objekte, die an die wechselvolle Geschichte der Aue erinnern. Besonders markant ist der Teich im Erholungsgebiet, der von 1914 bis 1920 durch die Sand- und Kiesbaggerei entstand. Sodann ist am Rhein noch der allmählich verlandende Pionierhafen zu erkennen. Mauern des preußischen Zwischenwerks IXa sieht nur, wer entlang des Zufahrtweges "In der Westhovener Aue" nach Osten in das schmale Wäldchen vor dem Landschaftsschutzgebiet hineinblickt. Das Fort X liegt in der Mudra-Kaserne und ist nicht ohne weiteres zugänglich. In der Umgebung können das Wiesenhaus und das Poller Fischerhaus zu den Öffnungszeiten besucht werden. Das deutlich umgebaute Gebäude des Kielshofs ist vom Leinpfad aus hinter den Hochwassermauern gut zu sehen.

Quellen, Literatur und Links[Bearbeiten]

Das Stichwort "Westhovener Aue" und viele hierzu in Bezug stehende weitere Stichwörter wurden im Jahr 2022 durch ein Geschichtsprojekt von porzerleben.de und der Bürgervereinigung Ensen-Westhoven erarbeitet. Das Projekt wurde durch das Stadtmuseum Köln und die Stadt Köln gefördert. Aus ihm entstanden zahlreiche Einträge dieses Wikis zu Westhovener Stichwörtern und die folgenden Artikel:

* Geschichtsprojekt zur Westhovener Aue startet (Link)
* Die Westhovener Aue als Naherholungsgebiet – Gestern und Heute (Link)
* Die Westhovener Aue – schon immer Überschwemmungsgebiet (Link)
* Es begann mit einem Täuschungsmanöver – 60 Jahre militärisches Sperrgebiet in der Westhovener Aue (Link)
* Lehm, Kies und Sand - Die Westhovener Aue war mal Industriestandort (Link)
* Flora und Fauna der Westhovener Aue – ein Spaziergang (Link)
* Die Westhovener Aue und ihre wichtigsten Bauwerke (Link)
* Die Westhovener Aue: 45 Jahre belgischer Militärstützpunkt (Link)

Zudem gibt es zu den Artikeln auch Langfassungen als PDF:

* Pfennig, Jörg 2022: Die Westhovener Aue. Geographie, Geologie, Hochwasser (Download)
* Pfennig, Jörg 2022: Die Pionierkaserne in Westhoven - ein Täuschungsmanöver der Nazis (Download)
* Pfennig, Jörg 2022: Die Westhovener Aue als Rohstofflieferant: Lehm, Kies und Sand (Download)
* Eismann, Doreen 2022: Flora und Fauna der Westhovener Aue – ein Spaziergang (Download)
* Pfennig, Jörg 2022: Die Westhovener Aue und die belgischen Kasernen (Download)
  1. Bereits 1965 gaben die Belgier das Quartier Nieuwpoort wieder auf, seitdem unterliegt dieses Gelände als Mudra-Kaserne erneut deutscher militärischer Nutzung.