Es begann mit einem Täuschungsmanöver – 60 Jahre militärisches Sperrgebiet in der Westhovener Aue

Viele Kölner Bürgerinnen und Bürger werden sich noch an die belgische Kaserne in der Westhovener Aue erinnern: Sie trennte bis 1995 den Leinpfad zwischen Poll und Westhoven, Fußgänger und Radfahrer mussten beidseitig vor einem von Soldaten bewachten Zaun wieder kehrt machen.

Weniger bekannt ist, dass dort am selben Ort bereits ab 1935 eine Pionierkaserne mit einem weitläufigen Übungsgelände errichtet wurde. Eine erstaunliche Tatsache, wenn man bedenkt, dass laut des Versailler Vertrages von 1919 Deutschland als Verlierer des Ersten Weltkriegs im entmilitarisierten Rheinland keine Militäreinrichtungen bauen durfte.

1940: Pioniere üben in der Aue am Teich den Brückenbau, im Hintergrund die Rodenkirchener Autobahnbrücke (Q.: Archiv BV-EW)

Die Pionierkaserne in der Westhovener Aue entstand vor dem Hintergrund der Remilitarisierung des Deutschen Reichs, die von der Nationalsozialistischen Regierung nach 1933 massiv betrieben wurde. Die Vereinbarungen des Versailler Vertrages wurden dabei schrittweise übergangen: Am 9. März 1935 gab Hermann Göring als Reichsminister für Luftfahrt die – vertragswidrige – Gründung der deutschen Luftwaffe bekannt. Als massive Proteste der Westmächte darauf ausblieben, führte das Deutsche Reich bereits am 16. März 1935 die allgemeine Wehrpflicht wieder ein, die Reichswehr wurde in Wehrmacht umbenannt. Nun benötigte das Heer neue Kasernen und eine Vielzahl von Ausbildern.

Die Westhovener Aue wählte man als Kasernenstandort für Pionierbataillone, weil sich dort sowohl Land- als auch Wasserübungsplätze einrichten ließen. Die beteiligten Amtsstellen, Militärs und Akteure waren bestrebt, das Bauprojekt vor der Öffentlichkeit und ausländischen Nachrichtendiensten so lange als möglich zu verschleiern. Dies geht aus einem geheimen Erlass des Reichsministeriums des Inneren vom 8. August 1935 hervor, der die Maßnahmen dieses Täuschungsmanövers darlegt.

Weil die Gemeinde Porz in den 1930er Jahren noch agrarisch geprägt war, kam man auf die Idee, das Bauprojekt der Pionierkaserne zunächst als Errichtung einer bäuerlichen Werksschule und landwirtschaftlich Versuchsanstalt zu tarnen. Als Bauherr trat offiziell der Reichsnährstand auf, dieser 1933  von den Nationalsozialisten geschaffenen Berufsvereinigung mussten alle im Ernährungssektor tätigen Betriebe beitreten. Kuno von Eltz-Rübenach, Gutsherr auf Schloß Wahn, NSDAP-Mitglied seit 1928 und Mitglied des Reichstags seit 1933, war als Landesbauernführer im Rheinland für das Porzer Projekt nach außen hin offiziell zuständig.

Um die im Versailler Vertrag vereinbarte Begrenzung des Berufsheers auf 100.000 Mann zu umgehen, übertrug das Innenministerium 1935 die Ausbildung der zu erwartenden Wehrpflichtigen der kasernierten Landespolizei-Inspektion Bonn. Diese übernahm zudem die Planung und Koordination der neuen Pionierkaserne in Westhoven, das Westhovener Pionier-Bataillon 26 wurde später zum Teil aus ihrer Technischen Abteilung 6 rekrutiert. 1935 wurden insgesamt 56.000 Mann der Landespolizei von der Wehrmacht übernommen.

Ein dritter Akteur war die Gemeinde Porz, vertreten durch den Bürgermeister Hermann Oedekoven, der im Auftrag von Innenministerium und Landespolizei die praktische Umsetzung der Pläne vor Ort bei Täuschung der Bevölkerung übernahm. Dazu gehörte der Erwerb von Grundstücken und die Durchführung der Kasernenbauten. Oedekoven setzte sich dafür ein, dass die Bauaufträge an regional ansässige „besonders alte Kämpfer der NSDAP“ vergeben wurden.

Als Bauleiter fungierte der im Finanzministerium tätige Reg. Baurat Dr. Volkholz, der für diese Aufgabe pro forma beurlaubt wurde. Die finanzielle Abwicklung rund um den Kasernenbau erfolgte alleinverantwortlich durch den Hauptmann im Innendienst der Landespolizei Bonn, Methner.

Um die Kaserne zu bauen, mussten erst die entsprechenden Grundstücke erworben werden. Bisherige Eigentümer waren die Stadt Köln, die Landmaschinenfabrik Massey-Harris in Westhoven und weitere Privatpersonen. Die Stadt Köln hatte damals im Vorfeld Einwände wegen der mit einem Kasernenbau verbundenen Schließung des Leinpfades zwischen Poll und Westhoven. Die Landespolizei konnte sich jedoch durchsetzen. Zu jener Zeit hatte vermutlich niemand geahnt, dass die folgende Sperrung des Geländes 60 Jahre andauern würde!

Geheimer Schriftwechsel zum Grunderwerb 31.5.1935 (Q: Archiv BV-EW)

Foto aus: Der Neue Tag v. 20.8.1935

Die Baumaßnahmen an der Kaserne begannen im Juni 1935, noch bevor die Verkäufe abgeschlossen waren. Es entstanden vier große dreistöckige Gebäude sowie sechs Hallen und Unterstände für Fahrzeuge, Geräte und Waffen. Die gesamte Anlage wurde in wenig mehr als nur einem Jahr fertig gestellt. Die Einweihung fand am 27. September 1936 statt. Aus diesem Anlass übergab die Großgemeinde Porz dem Kommandanten eine bebilderte Festschrift, die dem Archiv der Bürgervereinigung vorliegt. In diese Westhovener Kaserne zog zunächst das neu formierte  Pionier-Bataillon 26 ein.

Bereits im gleichen Jahr begann der Bau einer weiteren Kaserne gleich gegenüber auf der anderen Seite der Siegburger Straße. Diese wurde 1938 fertig gestellt und dorthin zog das Pionier-Bataillon 26 um und benannte sie Mudra-Kaserne. Sie besteht noch heute und wird heute vom Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr genutzt.

Die 1936 fertiggestellte erste Kaserne bezog Mitte 1938 das Pionierbatallions 46, sie erhielt nun den Namen Unverzagt Kaserne, benannt nach einem 1918 an der Marne gefallenen General der Pioniere, Generalmajor Rudolf Unverzagt.

Die Unverzagt-Kaserne 1936

Die Festschrift der Gemeinde Porz 1937

Auf dem Auengelände der Unverzagt-Kaserne wurden in den Folgejahren weitere Baracken sowie ein Pionierhafen am Rheinufer gebaut. Nach Fertigstellung der Anlage betrug die Sollstärke der Kaserne 550 Mann inklusive der Rekruten.

Nach dem 2. Weltkrieg zogen vorübergehend Heimatvertriebene und Ausgebombte ein. Nach der Instandsetzung 1951 wurden belgische Besatzungstruppen in der Kaserne stationiert, die nun den Namen Brasseur führte, benannt nach dem Unteroffizier der Pioniere Adjudant Jean Brasseur (1914-1940), der beim deutschen Westfeldzug getötet wurde. Die militärische Nutzung der Aue endete erst mit dem Abzug der Belgier 1995. Bis heute sind Spuren dieser 60-jährigen Militärgeschichte dort zu entdecken.

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