Zündorfer Geschichten

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Erinnerungen von Menschen, die in Zündorf gelebt haben, leben oder aufgewachsen sind.

Hans Burgwinkel erinnert sich[Bearbeiten]

Gemeinschaftsbad[Bearbeiten]

Meine Eltern waren bis Ende der fünfziger Jahre nicht mit Reichtum gesegnet. Mein Vater, ein selbständiger Klempner und Dachdeckermeister, musste immer noch in seinem elterlichen Betrieb in Köln-Poll aushelfen. Aber das ist eine andere Geschichte… Zudem geriet er im 2. Weltkrieg für fast 10 Jahre in russische Kriegsgefangenschaft. Auch das ist eine andere Geschichte… Als er 1949 schwer krank zurückkam, erkannte ihn meine Mutter auf dem Bahnhof zunächst nicht mehr… Auch das ist eine andere Geschichte…

Meine Eltern wohnten seit 1936 in der Schmittgasse 71, bei Kierdorfs, einem Kleinbauern. Zunächst hatten sie nur ein einziges Zimmer. Als ich 1950 geboren wurde und auch meine Großmutter aufgenommen wurde, bekamen sie ein zweites Zimmer im 1. OG zur Straße hinzu. Mein Vater hatte eine kleine Werkstatt auf dem Hofgelände. Einmal in der Woche wurde gebadet. Der große Holzküchenherd erhitzte den Wasserkessel und mehrere Töpfe voll Wasser. Der Tisch im „Wohnküchenbüro-Esszimmer“ wurde zur Seite geräumt, ein paar Handtücher ausgelegt. Mein Vater hob dann die große Blechwanne im Hof vom Haken, reinigte sie von Dreck und Hühnermist und stellte sie in die Küche. Dann wurde heißes Wasser in die Wanne gefüllt und er durfte als Erster baden – mit mir zusammen. Darauf war ich sehr stolz! Dann durfte meine Mutter in die Wanne, aber ich wurde vorher mit meinem Vater hinausgeschickt – auf keinen Fall sollte ich meine Mutter nackt sehen. Wenn meine Mutter fertig war, durfte schließlich meine Oma in das von bereits von drei Leuten benutzte Wasser. Aufgrund dieser Badesitten ekele ich mich bis heute vor Wasser mit (Kern-)Seifenschaum.

O’m Dürpel[Bearbeiten]

Heute sieht man es kaum noch, manchmal noch in sehr ländlichen Gebieten aber häufiger im Süden:Vor der Haustüre hatten früher viele Häuser eine große steinerne Eingangsstufe. Sie war meist im Antritt höher als normal. Diese wurde „d’r Dürpel“ genannt. Auch wir hatten eine derartige Stufe. Hier saß ich dann mit meiner Oma und wir beobachteten, was draußen passierte. Ich fühlte mich dann wie ein Großer, denn auf dem Dürpel sah man hauptsächlich die Alten sitzen. Allerdings gab es bei uns eigentlich nichts zu sehen, denn wir wohnten ja am Ende der Schmittgasse. Im Blickfeld war jedoch die Ecke Wahner Strasse / Schmittgasse, wo es mehrere Geschäfte gab und natürlich die Haltestelle des Rhabarberschlittens: der Kleinbahn Zündorf-Siegburg. Ansonsten schauten wir auf viele Felder und Natur.

Fernsehen "beim Metzger"[Bearbeiten]

Heute ist das kaum vorstellbar, aber in der Zeit um 1954/55 war Fernsehen noch absoluter Luxus. Nur wenige Leute besaßen einen Apparat. In unserer sehr großen Familie hatte nur mein Onkel Georg in Köln-Riehl einen Fernseher. Aus heutiger Sicht ein großes Kasten mit einen winzigen Bildschirm. Es war für uns immer ein besonderes Ereignis, wenn wir bei Onkel Georg zu Besuch waren und das Gerät wurde eingeschaltet. Selbst in Gaststätten gab es keinen Fernseher. Allerdings glaube ich mich erinnern zu können, dass später zuerst in der Gaststätte Kürten auf der Wahner Straße neben der Straßenbahnhaltestelle ein Fernsehapparat für die Gäste aufgestellt wurde.

Viele nutzen daher die Gelegenheit, beim Metzger fernzusehen. Nicht bei unserem Zündorfer Metzger Andernach, sondern bei „Radio Metzger“. Dies war ein Radio- und Fernsehgeschäft auf der Hauptstraße in Porz gegenüber der katholischen Kirche. Dort lief bei besonderen Ereignissen ein Fernsehapparat im Schaufenster und man ging dann dort hin, um interessante Sendungen von der Straße aus zu verfolgen. Ich kann mich an zwei Besuche etwas besser erinnern - es waren „Besuche“, denn die Ereignisse wurden schon Tage vorher besprochen und man zog sich sogar entsprechend an. Das erste Ereignis muss wohl die Fußballweltmeisterschaft 1954 gewesen sein, denn mein nicht unbedingt fußballbegeisterter Vater fand diese Übertragung für sehr wichtig, „wir freuten uns sehr und waren glücklich…“. Ein anderes Mal fuhren wir dort hin, um eine Familiensendung zu sehen, ich glaube, dass es eine Sendung von Peter Frankenfeld in seiner großkarierten Jacke war.

Der Klapperstorch oder wie man Kinder bekommt[Bearbeiten]

Wie jeder weiß, bringt der Klapperstorch die kleinen Kinder. Wenn der mal vergisst vorbeizukommen, muss man ein Stückchen Zucker auf die Fensterbank legen… aber das ist vielleicht einmal ein andere Geschichte wert. Als Kind muss man aber nicht alles glauben, was Erwachsene sagen. Das stellt man leider aber auch selbst noch als Erwachsener fest…

Nach meiner Erinnerung war ich schon ziemlich groß – so sicherlich um die fünf Jahre alt. Da weiß man schon eine Menge, wenn nicht sogar „Unmengen“… Jedenfalls hatte ich einen älteren Freund, Addi P. aus der Keimergasse. Ich hatte gehört, dass Addi bald ein Geschwisterchen bekommen sollte. Woher das die Erwachsenen alle wussten, war mit nicht klar – aber Zündorf war nun mal ein Dorf und da klatscht man viel. Vor allem wurden Erwachsene immer so komisch, wenn sie über's Kinderkriegen sprachen. Das war äußerst verdächtig und mir war nach intensivem Nachdenken und Gesprächen mit meinen Freunden klar, dass das mit dem Klapperstorch einfach gelogen war. Aber das passte den Erwachsenen nicht. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich eine Ohrfeige bekam, als ich versuchte, Ihnen klar zu machen, dass ich nicht das Märchen vom Klapperstorch glaubte.

Irgendwann war es jedoch soweit: Das Baby war da und ich durfte es sehen… Aber mich erschütterte etwas ganz anderes bis ins Innerste und traumatisierte mich noch für Jahre später: Die frische Mutter, Frau Pohl, hatte Verbände um beide Beine. Sie schien doch ziemlich verletzt worden zu sein. ES WAR WAHR – DER KLAPPERSTORCH HATTE SIE INS BEIN GEBISSEN – ES WAR GENAUSO, WIE DIE ERWACHSENEN SCHON IMMER BEHAUPTET HATTEN! Ich war also ziemlich vorlaut gewesen und ich nahm mir vor, nie wieder so vorlaut zu sein. Insbesondere nicht in Bezug auf dieses Thema…

Jahre später – ich war schon in der Sexta des Stadtgymnasiums Porz – diskutierten wir fachmännisch über's Kinderkriegen. Wir waren uns äußerst unsicher, denn wir wussten ja schließlich, dass Männer Spermien hatten, die „da unten bei der Frau“ dann das Kinderkriegen auslösten. Zudem wussten wir, dass manchmal – wie war uns nicht klar - bei Zungenküssen Spermien übertragen werden konnten. Deshalb wollten die meisten Mädchen auch keine Zungenküsse… Aber wie – verdammt noch mal - kommen die Spermien über den Magen nach „da unten“ ???. Wir hatten noch einen älteren Kameraden, Gerd, der lachte uns aus, und versuchte damit anzugeben, der es ganz anders ginge und das er das schon mit XY gemacht habe. Aber das war doch so ein Angeber, der sich bei uns nur einschleichen wollte und außerdem war XY so ein nettes Mädchen und so eine tolle Sportlerin, dass dies unmöglich stimmen konnte…

Quallmänner[Bearbeiten]

Einmal in der Woche kochte Bauer Kierdorf, ein - im Gegensatz zu seiner Frau - sehr gutmütiger und geduldiger Mann, Schweinefutter. Er benutzte hierzu einen steinernen Bottich, der ansonsten auch zum Wäschekochen benutzt wurde. Ich weiß nicht mehr genau, was da alles reinkam – auf jeden Fall Kartoffeln, Kartoffelreste und Rüben. Aber wenn es soweit war, kniepte er mir zu und wir zwei gingen in den Stall und setzten uns vor den Ofen. Irgendwann war es endlich soweit. Ein wunderbarer Geruch erfüllte den Stall: Der Dampf garer Kartoffeln gemischt mit dem Geruch unbekannter Zutaten (Essenreste?). Wir zwei langten dann zu. Vorsichtig suchten wir ganze Kartoffeln aus dem Schweinefraß und aßen sie genüsslich…. Wir mussten allerdings sehr vorsichtig sein, denn wenn wir erwischt wurden, gab’s Ärger. Quallmäner sind umgangssprachlich Pellkartoffeln.

Autofahren[Bearbeiten]

In Höhe unseres Hauses endete die geteerte Straße, dahinter kamen nur noch Feldwege und freies Feld. Der Hauptverkehr in Zündorf floß von Porz kommend über die Schmittgasse und bog dann über Wahner Straße nach Wahn ab. Der Verkehr war so dünn (ein paar Autos pro Stunde), dass man z.B. auf der Wahner Straße problemlos Rollschuhlaufen konnte und nur selten gestört wurde. Ab und zu kam es allerdings zu für mich aufregenden Ereignissen: Die Belgier kamen mit einen wunderbaren, fremdartigen auf- und abschwellenden Signalgeheul angerast. Entweder kam eine ganze Fahrzeug-Kolonne oder es kam ein Krankenwagen. Meistens waren es Fahrten zwischen den Kasernen in Westhoven und Spich. Aufgrund des mangelnden sonstigen Verkehrs waren diese Sirenen minutenlang vorher und nachher zu hören. So konnte ich dann immer schnell zur Ecke Wahner Straße fahren.

Wir hatten als Geschäfts- und Privatwagen einen alten dreirädrigen „Tempo“ mit einer Lenkstange. Ein schönes Auto, denn man konnte ihn einfach mit einer Person aufrichten, wenn er einmal - z.B. in einer Kurve - umkippte. Lange bevor mein Vater nach Hause kam, war auch sein Auto zu hören: Töff-Töff im Stakkato – je nach Geschwindigkeit. Ich rannte dann schnell nachhause bzw. nach draußen, denn ich durfte dann meinem Vater helfen, den Wagen rückwärts in den Hof zu fahren. Er nahm mich auf den Schoß und wir fuhren dann hinein. Beide waren wir ganz stolz: Er auf mich und ich auf mich…

In den letzten „Jahren“ (in Wahrheit wahrscheinlich Wochen) vor unserem Umzug in die Marktstraße konnte ich sogar den Wagen ganz alleine auf dem Schoß meines Vaters in den Hof lenken. Natürlich war ich aber dann auch nach kurzer Zeit schon im reifen Alter von fünf Jahren in der Lage, Rennen zu fahren: Ich durfte mich dann in den – mit ausgeschalteten Motor, stehenden - Wagen setzen und Rennen fahren: Brrrrrrr, Roarrrrh, wummmmmmm. Allerdings durfte ich dabei nicht herumtollen oder zappeln, denn sonst kippte der Wagen um…


Rhabarber-Schlitten / Super Bahn[Bearbeiten]

Als Sohn eines Handwerksmeisters war ich von je her von Technik jeder Art fasziniert. Daher war für mich besonders der Schienenverkehr interessant, zumal ich von unserem Haus in der Schmittgasse zumindest die Haltstelle der Siegburger-Kleinbahn, dem sogenannten „Rhabarber-Schlitten“, beobachten konnte. Dieses Bähnchen war für uns Kinder ein viel schönerer Anblick als die Bahnen der KVB, denn die kleinen Wagen fuhren gemütlich und schaukelnd durch die Felder. Man musste immer Angst haben, dass sie umkippten oder aus den Schienen sprangen – was aber mysteriöserweise nicht passierte, zumindest in Zündorf nicht.
Ich hatte trotz des schönen Anblicks soviel Angst vor diesen Gefährten, dass ich nur ein einziges Mal damit gefahren bin. Hier muss allerdings erwähnt werden, dass die Bahn für Zündorfer ziemlich uninteressant war, da sie „nur“ in den „Balkan“ und weiter nach Siegburg fuhr. Der „Balkan“ fing für uns hinter Lülsdorf bzw. Ranzel an und umfasst das Gebiet bis zu Sieg.

Um 1958 fuhr allerdings auf der Rhabarberbahn versuchsweise ein "super-moderner" Straßenbahnwagen. Wir konnten von den Fenstern unserer neuen Schule an der Schmittgasse bis zur Haltestelle der Siegburger Linie sehen und wenn der "Super-Wagen" kam, wurde der Unterricht uninteressant und alle schauten aus den Fenstern. Er war nicht mehr so kantig und offen, wie das alte Bähnchen, sondern "schön, rund und schnittig". Er wurde nie regelmäßig eingesetzt, wie ich später einmal erfuhr, war er für die "krummen Gleise" nicht ausgelegt und entgleiste öfter. Daher befuhr er die Hauptstrecke von Siegburg nach Bonn.

Obwohl ich sonst nie mit dieser Bahn fuhr (was wollte ein Zündorfer schon auf dem "Balkan"), bin ich einmal damit nach Langel und zurück gefahren, um an diesem Fortschritt teilzuhaben. Die KVB hatte nichts Vergleichbares auf der Strecke nach Zündorf in Betrieb. Erst Jahre später setzen sie ähnliche, aber nicht so komfortable Wagen ein.

Soziale Vorurteile, Spielen in der Schmittgasse[Bearbeiten]

In Zündorf gab es zumindest noch bis in die sechziger Jahre strenge lokale Aufteilungen – manchmal ging das auch mit Vorurteilen einher. Es gab zunächst einmal Niederzündorf und Oberzündorf. Dann gab es die Steinsiedlung, die „schwazze“ Siedlung, die Kolonie, den Pi-Park und „das Loch“. Ich wuchs sowohl in der Schmittgasse als auch in der Marktstraße in einer Umgebung mit starken Vorurteilen auf. Danach stellte die obige Reihenfolge auch eine klare absteigende soziale Wertung dar. Aus meiner heutigen Sicht und meinem heutigen Wissen stellte die soziale Wertung besonders von Seiten meiner Mutter einen fast traumahaften Schutzmechanismus dar. Aber das ist vielleicht einmal eine andere Geschichte wert.

Diese Vorurteile wurden aber ziemlich früh von mir durchbrochen… Ich durfte eigentlich nur mit Kindern aus meinem Nahbereich, d.h. Schmittgasse, Keimergasse und Wahner Straße spielen. Dies war auch unser Hauptspielgebiet – schließlich war ich maximal 5 Jahre alt. Allerdings sind wir auch schon mit unseren Tretrollern „ausgebüxt“ und haben z.B. auf der Wahner Strasse außerhalb der Bebauung Eier an die Bäume geschmissen. Eier, die wir vermeintlich unbemerkt, auf „unserem“ Bauernhof den Hühner stibitzt hatten… Erst als ich ca. 50 Jahre später einmal diese Geschichte Freunden erzählte und meine Mutter zuhörte, lachte sie – etwas bitter – und zeigte sich erfreut über eine späte Aufklärung: Die Bäuerin Kierdorf, auf deren Hof wir zur Miete wohnten, hatte ab und zu behauptet, meine Mutter hätte Eier gestohlen – und schon hätte es wieder Krach gegeben.

Ab und zu tauchte ein Junge aus dem „Loch“ auf, Peter H.und wir spielten zusammen. Aber ich durfte das nicht und wurde ausgeschimpft zumal auch Peter – wahrscheinlich mehr oder minder unbewusst wegen dieser verrückten Vorurteile – einmal bei uns eine kleine Fensterscheibe eingeworfen hatte. Für mich war dass alles rätselhaft, denn die hatten mehr Zimmer als wir… die Eltern waren nett… aber das Problem war, dass sie „im Loch wohnten“… Im Laufe der Jahre spielte ich jedoch immer mehr mit ihm und er wurde „mein bester Freund“. Mit ihm konnte ich auch noch (kleine) Abenteuer erleben.

Ein weiteres Vorurteil klärte sich erst jetzt nach Veröffentlichung dieser Geschichte auf. Hansi W. war zusammen mit mir Messdiener im Zündorfer Kloster. Aber "alle" Leute rümpften über die W.s etwas die Nase - ich verstand nie warum, insbesondere weil ich bei Besuchen in der Familie nichts Besonderes oder gar Asoziales feststellen konnte. Ich wunderte mich auch, warum Hansi im Kloster als Messdiener dienen durfte. Hier waren eigentlich nur Kinder "seriöser" Familien"… Wie ich jetzt erfuhr, entstammte Hansi einer sog. Kriegsehe, sein Vater war Österreicher und sprach starken Dialekt. Er schien sich auch im Rheinland nicht wohlzufühlen und war wahrscheinlich deshalb für viele ein Sonderling.

Die Grossen - Schwimmen lernen[Bearbeiten]

Mit Respekt und Ehrfurcht wurden immer die Großen betrachtet. Das waren die Jungs, die mindestens vier Jahre älter waren und sich auch um die Kleinen kümmerten. „Mein Großer“ war „Tubba“ und ein bisschen war es auch „Klapparsch“, der aber jünger war und somit kein wirklich „Großer“ war. Tubba hieß Jakob E. und wohnte bei uns in der Marktstraße schräg gegenüber. Nachdem wir 1956 dorthin gezogen waren und bevor ich 1957 eingeschult wurde, bot er mir seinen „Schutz“ an: „Wenn Du mal Probleme in der Schule hast, kannst Du jederzeit zu mir kommen und ich helfe Dir“ – aber das und mit der Schule ist vielleicht einmal eine andere Geschichte wert.

Schwimmen gelernt habe ich nicht im Rhein, sondern in einem Urlaub an der Nister im Westerwald. Aber wenn es heiß warm, waren wir jeden Tag am Rhein. Wir Kleinen durften nur rechts von „dr eeste Kribb“ (1. Buhne, wo heute die Fähre nach Weiß ablegt) planschen und schwimmen. Es gab für das Schwimmen – wie auch für andere Dinge auch - strenge Regeln, die der Sicherheit und Ordnung dienten. Es gab unzählige Gefahren, vor allem gefährliche Strömungen, Strudel, Bombenlöcher und eiskalte Stellen. Alle, zumindest aus Nieder-Zündorf, hielten sich an diese ungeschriebenen, aus langer Erfahrung entstandenen Regeln. Ab und zu hielten sich Anderere nicht daran und kamen zu Schaden - aber das ist vielleicht einmal eine andere Geschichte wert.

Man durfte bis Brusthöhe ins Wasser, links von der erste Kribbe durften wir nur im Sand spielen und gerade mit den Füßen ins Wasser. Wer schwimmen konnte durfte mit einem Großen auch einmal eine Runde in der Fläche zwischen der ersten Kribbe und den „Sibbe Pöhl“ (dem nächsten rheinabwärts gelegenen Buhnensystem mit einem großen Innenbecken) schwimmen. Allerdings war die rechte Seite dieser Fläche im Boden schlammig, so dass man immer wieder zum Ausgangspunkt zurück schwamm. Im nächsten Schritt durfte man kurz in der Mitte dieser Fläche kurz in die „Strömung“ hinaus. Direkt neben der Buhne war es zu gefährlich, weil dort ein kleines Bombenloch und ein kleiner Strudel waren.

Die nächsten Stufen waren dann Ausdauerübungen von „neben der eeste Kripp“ mit zunehmender Entfernung entlang der „Sibbe Pöhl“. Dort verlief eine lange Buhne parallel zum Ufer. Das war aber bereits ziemlich gefährlich, weil dort starke Strömungen herrschten, das Ufer steil abfiel und unangenehmes Geröll bzw. Basaltsteine den Ausstieg behinderten. Auf keinen Fall durfte man mit Schwimmhilfen oder Reifen in die Strömung oder auch nur in die Nähe, weil dies zu gefährlich war. Für das richtige Schwimmen gab es meist einen Führer, ich glaube mich hier besonders an Helmut H. erinnern zu können. Das „richtige Schwimmen“ war das gemeinsame Schwimmen von der „sechste Kripp“, heute etwas unterhalb des Einlasses vom Klärwerk, zur ersten Kribbe. Es schwamm immer eine Gruppe, niemals jemand allein. Meist wurde auch nur einmal am Tag geschwommen – es war ja auch in der Hitze etwas anstrengend zunächst zur sechsten Kribbe am Ufer barfuß hochzulaufen.

Wenn man alle Vorübungen gut durchgestanden hatte, wurde man dem jeweiligen Führer meist von einem Großen eingeladen oder empfohlen. Bei mir waren es entweder Tubba oder Jürgen H., der mir gegenüber wohnte. Ich war ziemlich aufgeregt beim ersten Mal, ich weiß nur noch, dass ich etwas enttäuscht war von der „strengen Prüfung“. Der Führer – ich weiß nicht mehr, wer es war - schaute mich nur kurz prüfend an und fragte nur „Kannst Du das ?“ Ich nickte und mein großer „Pate“ sagte was, wie „Der ist gut“ und dann ging’s los… Alles weitere ist vielleicht einmal eine andere Geschichte wert.

Lehrer nass machen[Bearbeiten]

Ich weiß nicht, wer es uns beigebracht hat – wahrscheinlich war es ein üblicher „Brauch“ – genau genommen ein „dicker Hund“, wenn nicht sogar eine kräftige Sauerei. Heute lächelt man drüber oder schüttelt sich. Eines ist jedoch klar, wenn dies heute in einer Schule gang und gäbe wäre, wäre intern und öffentlich die Hölle los. Och, wie wor dat fröher schön: Vieles von dem was wir früher anstellten, würde heute Polizei und wenn nicht sogar Gerichtsverfahren nach sich ziehen.

Im ersten Schuljahr 1957 besuchte ich noch die alte Volksschule an der Hauptstraße zwischen Gütergasse und Enggasse. Dort waren die Toiletten in einem flachen Nebengebäude untergebracht. Jedenfalls war die Decke nicht sehr hoch. Für uns war es dann ein besonderer Reiz, kurz vor der Pause noch einmal zur Toilette zu gehen („Herr Lehrer, ich muss mal“) oder während der Pausen einen stillen Moment abzupassen, was nicht einfach war. Denn wenn man erwischt wurde, konnte es ziemlichen Ärger geben. Zwar auch von den „Großen“, d.h. den älteren Schülern ab 6. Schuljahr, aber insbesondere von den Lehrern, die unsere eigentliche Zielgruppe waren. Jedenfalls lernte ich als Erstklässler, mit einer besonderen Technik, die ich aus vielerlei Gründen hier nicht näher beschreiben möchte, bis hoch an die Decke zu pinkeln. Dort hingen dann bei genügend „Druck und Technik“ viele dicke Wassertropfen, die dann langsam wieder auf die nachfolgenden Darunterstehenden wieder herabtropften.

Uns war es daher ein besonderes Vergnügen, wenn das Timing so gut funktionierte, dass es einen Lehrer traf. Ich kann mich nicht erinnern, dass hier mal jemand erwischt, geschweige denn bestraft wurde. Meine Erinnerung an dieses „technische Verfahren“ war nach 50 Jahren so zweifel- und traumhaft, dass ich auf einem Klassentreffen Ende 2007 Schulkameraden danach fragen musste, bis mir dieser Streich dann auch von anderen bestätigt wurde.

Besondere Messdiener[Bearbeiten]

In Zündorf gab es zwar drei Kirchen und eine Kapelle, aber regelmäßige Gottesdienst fanden nur in der Pfarrkirche St. Mariä Geburt und in der Klosterkapelle in der Gütergasse statt. Insbesondere von meiner Mutter „streng katholisch“ erzogen, hatten wir ein enges Verhältnis zur Kirche. Auch geschäftlich mussten wir gute Kontakte zur Kirche und zum Kloster pflegen, meine Eltern hatten einen Dachdeckerbetrieb. Da ich zumindest ab ca. 1956 öfter mal bei Arbeiten in Zündorf „half“, bekam ich ein gutes Verhältnis zum „Zündorfer Kloster“ der Cellitinnen. Es war aufgeteilt in den Hauptkomplex mit Kapelle und gegenüberliegenden Hofanlagen im ehemaligen Anwesen Peletier in Niederzündorf und in den Bereich um die Kirche St. Martin in Oberzündorf.

Als die Schwestern erfuhren, dass ich auf das Gymnasium gehen sollte, überredeten sie meine Eltern, mich Messdiener im Kloster werden zu lassen. Dies war ein besonderer Kreis mit immer nur 4-6 „ausgesuchten“ Messdienern – im Gegensatz zur Pfarrkirche St. Mariä Geburt, wo „jeder einfach“ Messdiener werden konnte. Zunächst begann alles sehr hart, wir mussten als Messdiener die gesamte Messliturgie in Lateinisch auswendig lernen. Alle zwei bis drei Tage trug ich dem Klosterpater, einem sehr gütigen alten Herrn, dessen Namen ich vergessen habe (Pater Faller ?) ein neues Kapitel in lateinischer Sprache vor. Es kam mir unendlich lange vor, aber irgendwann hatte ich es geschafft und ich durfte in der Messe dienen.

Zur Messe jeden morgen um 6:00 Uhr dienten zu zweit immer eine Woche lang. Im Mai und im November (?) hatten wir dann in der anderen Woche Dienst bei Abendandachten. Zusätzlich machten wir noch Hausbesuche bei Alten und Kranken in Zündorf und brachten ihnen die „Hl. Kommunion“ im Rahmen einer kleinen Andacht. Es war für Fremde sicherlich ein besonderer Anblick, wenn wir dann in Messkleidung durch Zündorf gingen – „gut Katholische“ knieten nieder oder bekreuzigten sich zumindest. Bei besonderen Anlässen wurde auch eine Messe in Oberzündorf gelesen.

Dies alles „stählte und edelte“ uns. Wir waren die „einzigen richtigen“ Messdiener in Zündorf! Wir sprachen die gesamte Messliturgie in Latein – das konnten / brauchten die „anderen“ nicht! Hinzu kam noch, das wir bei Prozessionen separat von „denen von St. Mariä Geburt“ gingen und insbesondere unseren eigenen Weihrauch hatten. Dies war äußerst wichtig, denn Weihrauch war für uns eine besondere Sache: Je mehr es rauchte, desto besser. Besonders ergreifend für uns war es, wenn die kleine Klosterkapelle wie vernebelt war und die Nonnen, die außerhalb der wenigen normalen Kirchgänger auf der Empore saßen, anschließend schimpften. Während der Messen im Kloster hatten wir kaum eine Chance, dies zu beeinflussen, wir konnten immer nur versuchen, unseren alten, zum Schluß etwas tattrigen Pater etwas anzustoßen, wenn er mit einem kleinen Löffel die Weihrauchklümpchen auf die Holzkohle träufelte. Meist ließ er sich in seiner Gutmütigkeit nichts anmerken, wenn wir dies taten. Manchmal allerdings räusperte er sich verärgert – ohne aber uns aber je zu tadeln. Er hatte es sicherlich auch nicht einfach unter dem Diktat der strengen Nonnen. Ab und zu nahm er – wie wir auch in sehr geringen Mengen – einen Schluck Messwein aus einem Schrank in der Sakristei.
Aber zurück zum Weihrauch: Bei Prozessionen und einigen wenigen Hochmessen in der Kapelle durften wir selbst Weihrauch nachlegen. Das nutzten wir dann ausgiebig, bis wir von dem einen oder anderen gebremst wurden. Beim “Weihräuchern“ zeigte sich auch unsere Messdiener-Hierarchie. Ganz oben stand der, der den Weihrauchbehälter trug und daraus nachlegen durfte. Dann folgte der derjenige, der das Weihrauchfass schwenken durfte und somit auch durch kräftiges Schwenken die Glut und damit den Rauch anheizen konnte.

Ein weiteres Privileg war, dass wir von Messbesuchern oder Personen, denen die Kommunion gebracht wurde, ab und zu Trinkgelder erhielten. Von den Schwestern erhielten wir an Feiertagen zusätzlich immer etwas besonderes, z.B. zu Ostern einen gebackenen Kuchen in Osterlammform. Aufgrund dieser herausragenden Stellung hatten wir kaum Kontakt zu den anderen Messdienern in St. Mariä Geburt – so war das halt in einem schönen Dorf…

So richtige Engel waren wir allerdings auch nicht, so spielten wir oft morgens und abends nach den Messen auf dem Heimweg „Mäuschenklingeln“, d.h. wir klingelten an den Häusern und liefen dann weg. Ein Haus in der Enggasse hatte allerdings eine Drehklingel, die man nicht so schnell drücken konnte. Hier wurde ich eines Morgens bereits erwartet: Beim ersten Klingelversuch öffnete sich die Tür und ich bekam eine Ohrfeige. Seitdem habe zumindest ich dort nie wieder geklingelt. So half diese Ohrfeige allen zu einem besseren Leben. Sie schadete mir nicht und niemand ließ sich danach was anmerken. Auf der Straße grüßten wir uns – wie vorher auch – immer freundlich. Hätten meine Eltern von der Ohrfeige erfahren, hätte ich noch eine Ohrfeige bekommen. Ein weiterer Messdienerstreich war, dass wir öfter versuchten, den Pater in der Messe vor der Wandlung möglichst viel Wein in den Kelch gießen zu lassen. Auch hier stubsten wir ihn beim Eingießen "versehentlich" an…

Munitionkloppen[Bearbeiten]

Am Rhein sollen im zweiten Weltkrieg diverse „Verteidigungstellungen“ u.a. gegen eine Flussüberquerung der Alliierten gewesen sein. In jedem Fall war die Groov bis zur Neugestaltung munitionsverseucht. Als Kinder fanden wir immer wieder Munition. Nach jedem Hochwasser suchte sicherlich nicht nur ich gezielt nach freigespülten Minen, Granaten etc. Nachdem mein Vater dahinter gekommen war, dass wir ziemlich „professionell“ Munition „kloppten“ und ich mich schon mal nach bestimmten Granat- und Minentypen erkundigte, fügte er sich – unter massiven Protesten meiner Mutter – ins Unvermeidliche und zeigte mir etliche Gefahren von Munition. Er war im zweiten Weltkrieg bis zu seiner 10-jährigen russischer Kriegsgefangenschaft in der Waffenmeisterei tätig, wahrscheinlich sogar Waffenmeister, ohne jedoch Offizier zu sein. Leider war er durch die Kriegsgefangenschaft so traumatisiert, dass er bei jeder Erinnerung an die Wehmacht nächtelang Alpträume hatte und schrie. Somit erfuhr ich leider nie Näheres. Allerdings zeigte er mir, wie man sich Munition näherte und sie dann entsprechend sicherte, bevor wir dann den Kampfmittelräumdienst beim Regierungspräsidenten verständigten – zumindest bei Minen.

Geschossgranaten, Flakmunition und Patronen brauchten wir für eigene Zwecke. Allerdings waren Brandgranaten ausgenommen - aber das ist vielleicht einmal eine andere Geschichte wert. Wir wussten ziemlich genau, wo vermutlich Munition zu finden war. Hierauf möchte ich aber aus Sicherheitsgründen und um jegliche Nachahmung zu vermeiden, nicht näher eingehen. Sicherlich lässt sich noch heute insbesondere bei Niedrigwasser im Bereich der Groov Munition finden, aber die ist dann so alt und vergammelt, dass zusätzlich zur allgemeinen Gefahr noch derartig unkalkulierbare Risiken vorhanden sind, dass man bei jedem Verdachtsmoment sofort die Polizei informieren sollte.

Genau wie beim Schwimmen gab es für das „Munitionskloppen“ ungeschriebene, aus langer Erfahrung entstandene Regeln. Wer sich nicht daran hielt, konnte zu Schaden kommen: Einer verlor damals sein Augenlicht, ein Anderer seine Hand. Munitionkloppen durften nur die Großen und erfahrene Beinahe-Große. Es war eine äußerst gefährliche Angelegenheit. Zunächst wurde Sprengstoff aus alter Munition gewonnen, der letztendlich dann wieder für Feuereffekte oder Sprengungen verwendet wurde. Man musste hierfür eine ruhige Hand, Geduld und handwerkliches Geschick haben – ein falscher Schlag und es konnte eine Explosion geben. Als Werkzeug war ein scharfkantiger Basaltstein besser geeignet als ein Hammer, der war vorne beim Schlagen zu breit. Auch galten Zangen und sonstige Werkzeuge als verpönt, denn Metallwerkzeuge hätten leichter Funken auslösen können.

Die ganz Kleinen durften noch nicht einmal zuschauen, sonst gab es – mehr oder minder – leichte Schläge. Später durfte man dann aus ca. 10- 15 m Entfernung zuschauen – allerdings nicht bei größeren Granaten. Wurde man für verschwiegen, begabt und vertrauenswürdig gehalten, dürfte man Munition suchen. Als Belohnung konnte man dann auch schon mal zusehen oder an leeren Hülsen üben. Dann durfte man endlich auch einmal selbst die Pulverladung freilegen. Ich war sicherlich privilegiert, weil ich als Handwerkersohn einiges an Erfahrung mitbrachte, zumal ich in meiner freien Zeit immer wieder gerne im Betrieb half und das eine oder andere lernte. Hilfreich war auch, dass ich Karbid besorgen konnte, mir dem man auch Sprengungen machen konnte. So durfte ich schon relativ früh mit 10 Jahren (?) Munition kloppen.

An einer bestimmten Stelle waren neben MG-Munition vom Kaliber 7,92 x 57 mm (?) sehr viele Flakgeschosse vom Kaliber 2 cm zu finden, ich glaube mich aber auch an einzelne 3,7 cm Granaten erinnern zu können. Ein Teil war mit Pulver bestückt, andere mit Stäbchen. Die Stäbchen waren uns lieber, weil sie ungefährlichen waren. Geschosse mit Pulvermunition warfen wir oft tief in die Strömung, um sie zu entschärfen. Der Umgang mit Pulvermunition war deshalb so gefährlich, weil sich kleinste Partikel rund um den jeweiligen Arbeitsplatz sammeln konnten und sich dann urplötzlich entzünden konnten. Daher arbeiteten wir nach meiner Erinnerung auch nie bei starkem Sonnenschein – allerdings kann es auch sein, dass sich bei starkem Sonnenschein zu viele ungebetene Zuschauer am Rhein befanden.

Jedenfalls gewannen wir Sprengstoff, den wir in Konservendosen füllten. Dies waren manchmal Milchdosen, meistens aber waren mysteriöse Fleischdosen, die regelmäßig ziemlich aufgebeult angeschwemmt wurden. Wir öffneten sie ein bisschen, um das Fleisch heraus zu holen und anschließend mit Sprengstoff zu füllen. Der Deckel wurde mit Klebeband oder ähnlichen verschlossen und um die Dose ein Feuer angezündet. Später besorgten wir uns richtige Zündschnur von Sport Hocke in Porz. Somit konnten wir Baumstümpfe und Erdlöcher, Wasserbomben herstellen oder einfach nur knallen. Manchmal wollten wir auch nur riesige Stichflammen sehen.

Mitunter wurden auch Tretminen freigespült. Wenn eine Deckung vorhanden war, robbte ich heran und versuchte, den Metallkörper mit einem langen Stock „blind“, d.h. Kopf und Körper in den Boden hinter der Deckung gepresst von unten her freizulegen. Es waren meist sogenannte Schrappnall oder Springminen und ich glaubte, so relativ geschützt zu sein. Am und auf dem Metallkörper durfte sich nichts bewegen, meist gab es oben am Zünder noch kleine Häckchen, Drucksensoren oder Auslöser. Sobald ich sicher war, dass es eine noch intakte Mine war, sperrte ich das Gebiet mit Stöcken ab und rief unmittelbar den Kampfmittelräumdienst an. Die Polizei zählte für uns nicht, weil „die einfach keine Ahnung hatten“. In späteren Jahren hatte ich die Rufnummer von dem bekannten Bombenräumer Grün, mit dem ich „fachmännisch“ besprach, was zu tun sei.

Schlittenfahren[Bearbeiten]

Wir erwarteten in Alt-Zündorf jedes Jahr den Winter, der mehr Schnee als heutzutage hatte, mit gemischten Gefühlen. Einerseits wollten wir viel Frost ohne Schnee, damit wir am Rhein, „en d’r Groov“ oder „op d’r sibbe Pööl“ gut Schlittschuh laufen konnten. Da störte nämlich der Schne auf dem Eis. Andererseits freuten wir uns auf viel Schnee, weil wir dann hervorragend Schlitten fahren konnten – etwa am Burgweg, hauptsächlich aber in der Marktstraße. Dort gelang nämlich bei „optimalen Verhältnissen“ und mit entsprechendem Geschick von Beginn der Steigung an – etwa in Höhe der Hausnummer 10 - quer über den Marktplatz die Abfahrt bis auf das Eis des oberen Groovgewässers, also etwa 145 m Schlittenbahn!
Wichtig hierfür war auch eine etwas längere Frostperiode, damit die Abwässer „en d’r Sood“ (seitliche Straßenrinne) ebenfalls gefroren waren und das Eis sich durch weitere Abwässer immer mehr verbreiterte. In den fünfziger Jahren gab es in Zündorf noch keine Kanäle und so flossen die Abwässer in Sickergruben hinter/neben den Häusern. Einige wenige Häuser auf der südlichen Marktstrassenseite leiteten jedoch noch Spül- und Klarabwässer in die seitliche Straßenrinne, die „Sood“. Vor dort floß das Wasser quer über den Marktplatz ungehindert in das obere Groovgewässer, denn Stützmauern oder Abgrenzungen wie heute gab es damals noch nicht. So hatte man zusätzlich zum Schnee eine durchschnittlich 1,50 m breite Eisbahn, die vor allen Dingen im Bereich des mit grobem Schotter bedeckten Marktplatzes wichtig war, denn einige wenige Steine im Schnee konnten eine Schlittenfahrt abrupt bremsen.

Das Schlittenfahren war streng geregelt. Regel Nr. 1: Uns Kindern gehörte die Straße! Autofahrer und Anwohner hatten Rücksicht auf uns Schlittenfahrer zu nehmen. So unglaublich es klingt: Es wurde weitgehend respektiert, die Autofahrer parkten weiter oben, Post und andere Lieferfahrzeuge fuhren über die Gütergasse zum Rhein und wieder zurück. Nur ein oder zwei Anwohnerinnen, die kaum über die nicht ungefährliche „Bergstrecke“ gehen konnten, streuten nachts Asche über die Straße bzw. auf das Eis, so daß die Bahn unbrauchbar wurde. Aber wir kehrten dies dann nachmittags nach der Schule wieder weg und schütteten Schnee drüber oder wir gossen eimerweise Wasser zwecks Eisbildung darüber.

Regel Nr. 2: Beim Schlittenfahren herrscht Ordnung! Dafür sorgten wieder einmal die Großen. Vorrecht hatten die bäuchlings auf dem Schlitten liegenden Alleinfahrer aus der Umgebung. Wer aufrecht sitzend fuhr, war ein „Weichei“ oder ein Mädchen. Zudem konnte man sitzend nicht so weit fahren, wie bäuchlings, denn nur bäuchlings konnte man den Schlitten - ohne in irgendeiner Form zu bremsen - „weit“ fahren. Für die meisten endete die Fahrt anfangs des Marktplatzes, Anfänger und Unkundige landeten noch vorher an der Mauer unterhalb des „Gäßchens" im unteren Teil der Marktstraße, weil diese dort einen Bogen macht.

Höhepunkt des Schlittenfahren war allerdings die „Kettenbildung“, denn hier war Abenteuer mit engem Kontakt zum anderen Geschlecht verbunden. Als erstes legte sich ein erfahrener „Großer“ bäuchlings auf einen Schlitten und hakte sich mit den Füßen in den Schlitten dahinter ein bis maximal sieben Schlitten miteinander verbunden waren. Nur wenigen war es erlaubt, ein derartiger Kettenführer zu sein, denn es war eine gefährliche Aufgabe. Er hatte die Verantwortung für seine Kette und auch für die anderen auf der Bahn. Man konnte leicht gegen eine Wand fahren, der Schlittenzug konnte sich verkanten oder umkippen. Hierbei waren Verletzungen bis hin zu Fußbrüchen möglich – in der Regel passierte allerdings nichts. Wenn eine derartige Kette einmal in Fahrt war, war sie nicht zu bremsen und der Führer hatte sorgsam auf freie Strecke und andere Mitrodler zu achten. Wichtig war es auch jeweils die glattesten Stücke der Route zu nutzen. Aber auch die anderen Schlittenfahrer mussten aufpassen, denn die Kette musste immer gerade in einer Reihe bleiben - vor allem durften die hinteren Schlitten nicht seitwärts ausbrechen und ins Schleudern geraten. Diese Gefahr bestand insbesondere in den drei Kurven, die man fahren musste, um letztendlich auf dem Eis des oberen Groovgewässers zu landen.

Das schönste war aber nicht unbedingt die Schlittenfahrt, sondern die damit verbundene „süße Last“: Auf die bäuchlings liegenden Jungen setzten sich aufrecht die Mädchen. Genau wie bei der Reihenfolge der Schlitten gab es auch bei der Auswahl der Mädchen Rangordnungen. Das begehrteste Mädchen durfte auf dem Anführer Platz nehmen. Um die nächsten wurde dann auch kräftig geworben. Wer Pech hatte, musste hinten sitzen oder kam nicht mit. Für die Ehre, auf uns sitzen zu dürfen, mussten die Mädchen uns anschieben und dann auf uns aufspringen. Wenn wir allerdings sehr weit fahren wollten, schob und sprang auch schon mal ein Junge auf und dann blieb u. U. dem einen oder anderen, der unten lag, die Luft weg.

Meist durfte nur eine Kette fahren, andere waren aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Nur wenn viele „Große“ mit ihren Mädchen fuhren, wurde ausnahmsweise eine zweite Kette der "Kleinen" geduldet. Für uns Jungen war es ein Wunschtraum, „später“ einmal Anführer zu werden. In meiner Erinnerung gab es nur einen Konkurrenten für mich, als ich größer wurde. Da ich aber in der Marktstraße wohnte, hatte ich natürlich einen Heimvorteil und durfte schließlich auch oftmals Ketten führen. Wenn das oder die "richtige(n)" Mädchen nicht dabei war(en), verzichtete man auch mal gerne "großzügig" auf seine Rechte und ließ auch schon mal andere nach vorne, die nicht Alt-Zündorf waren, sondern z.B. aus der "schwarzen Siedlung".

Im gleichen Sinne war es auch selbstverständlich, dass wir ab und zu eine Pause einlegten, damit Eltern mit ihren Kleinkindern auch schon mal in Ruhe rodeln konnten. Dies kam allerdings selten vor, meistens hatten sich um die Kleinkinder die größeren Geschwister zu kümmern, was nicht immer einfach war. Das Ansehen eines Führers hing auch davon ab, wieweit er fahren konnte. Kam er bis aufs Eis, war er ein Ass. Ein Kettenzug hatte hier aufgrund des größeren Gewichtes und Schwunges diesbezüglich Vorteile gegenüber jedem Einzelschlitten. Auf dem Eis angekommen, war dann ein Spass, den Zug geordnet umfallen zu lassen und dann umher zu tollen - insbesondere mit den Mädchen. Ein Spass anderer Art passierte allerdings mehr als einmal, wenn ein „Ass“ es schaffte, den Zug über die schnee- und eisbedeckte Marktstraße zum oberen Groovgewässer zu fahren: Er hatte übersehen, dass das Eis noch nicht dick genug war und die ersten Schlitten landeten im Wasser und er lag bäuchlings unten…

Maiflöötche[Bearbeiten]

Eine besondere Herausforderung und Ehre für 'ne Zündorfer Jung war die Herstellung eines Maiflötchens. Von den Weiden am Rhein wurde im Frühjahr – der Trieb musste schön saftig sein – ein finger- bis daumendicker, junges Trieb abgeschnitten. Hierzu hatte ich mein scharfes und massives „Pfadfindermesser“ von der Pfadfinderschaft St. Georg in Zündorf. Andere Messer waren ungeeignet, weil sie entweder nur scharf oder schwer waren. Zur Herstellung eines Flötchens wollte man ja eigentlich nur ein einziges Werkzeug verwenden. Dann wurde der Trieb, der keine Seitentriebe oder Astaugen haben durfte, auf einem geraden Untergrund an einem Ende gerade geschnitten wurde. 2cm vom Anfang entfernt, wurde eine 5mm Kerbe oben ins Holz geschnitten und am Anfang auf der entgegengesetzen Seite unten das Holz als Mundstück ca. 5 mm hoch und 10 mm lang angeschrägt. Bei etwa 10-15 cm wurde ein Rundschnitt durch die Rinde bis aufs Holz gemacht.

Anschließend – das war der schwierigste Teil – wurde die Rinde mit dem Messerseite vorsichtig unter Drehen des Holzes geklopft, bis sie sich vom Holz lösen/drehen ließ. Der Holzkern wurde dann am langen Stück vorsichtig herausgezogen. Vom „Anfang“ bis zur Kerbe wurde dann oben ein ca. 3mm Segment des Kerns abgeschnitten (später konnte /musste dies oft nachgearbeitet werden) und das erste Holzteil zu Beginn des Kerbschnitts gerade abgetrennt (meist auf hartem Untergrund mit ständigem Drehen). Dann konnte der hintere Teil, der ca. 1 cm länger als der „Rundschnitt“ sein sollte, ebenfalls abgetrennt werden. Wenn man jetzt das Endstück etwas herauszog und in das Mundstück blies, waren die ersten Töne zu hören – oft musste etwas nachgearbeitet werden, um schöne, laute Töne zu erzeugen. Durch Verschieben des Endstücks wurde die Tönhöhe bestimmt.