Villa Mannesmann
Familie Mannesmann[Bearbeiten]
Das ursprüngliche Gebäude des heute unter Denkmalschutz (Nr. 3316) stehenden Backsteinbaus in Westhoven wurde in der späteren Oberstraße 65 um 1880 als Herrenhaus in Westhoven auf dem Grundstück Flur 6 Nr. 460/43 errichtet. Erbauer war vermutlich die Familie Engels, zu dieser Zeit Besitzer des unmittelbar gegenüberliegenden Engelshofs.
In den Jahren 1915/1916 erwarb die Industriellenfamilie Mannesmann zahlreiche Grundstücke in Westhoven, darunter auch das Herrenhaus. Es wurde für die Zwecke der Familie von Alfred Mannesmann (1859-1944), insbesondere für die große Kinderschar, im Jahr 1916 vergrößert. Dabei verdoppelte sich unter Hinzunahme des östlichen Nachbargrundstücks Flur 6 Nr. 461/44 die Breite des Gebäudes nahezu von 13,25 m auf 25,40 m. Die Wohnfläche stieg auf rund 1.000 qm. Acht bestehende Vorratskeller wurden um einen Heizungsraum, einen Kohlenkeller, eine Waschküche und zwei Kellertreppen erweitert. Im Erdgeschoss entfernte man die alte Treppe sowie zwei Wände. So wurde Platz für das Herrenzimmer, das Damenzimmer, das Esszimmer und die Bibilothek geschaffen. Der große Anbau nahm im Erdgeschoss die Küche, das Bügel- und Anrichtzimmer, die Garderobe, Toiletten, ein großes Kinderzimmer, die Diele und ein großzügiges Treppenhaus auf. Im ersten Stock entstanden im alten Trakt das Elternschlafzimmer, das Ankleidezimmer, das Lehrerzimmer und drei Fremdenzimmer. Der neue Trakt umfasste drei Kinderzimmer, ein Bad mit Closet, die verlängerte Diele und das Treppenhaus. Im Obergeschoss gab es zwei Kammern für Bedienstete, einen Trockenboden, ein weiteres Closet und einen knapp 115 qm großen Saal in den Maßen 11,80 x 9,70 m. Die Außenfassade erhielt einen neugotischen Stil. Die Schlussabnahme des Um- und Erweiterungsbaus erfolgte zum Jahresende 1916.
Alfred Mannesmann musste durch den Beginn des Ersten Weltkriegs Marokko verlassen, wo die Industriellenfamilie Mannesmann seit 1906 über die Mannesmann-Land-Compagnie Farmen betrieb und vorher Erzbergwerks-Konzessionen innehatte. Seit 1904 waren Alfred und Margaretha Elisabet (Lise), geborene von Mosengeil (1881-1961), verheiratet, sie hatten sieben Kinder. Ein erster Nachweis über die Anwesenheit der Familie im Rheinland datiert vom Oktober 1915: Frau Alfred Mannesmann, "die seit dem Kriegsbeginn in Bonn wohnt, hat ihrer Vaterstadt einen Kranken-Anhängewagen (System Mannesmann) mit Inneneinrichtung geschenkt"[1]. Zur Villa gehörte auch ein später errichtetes Sommerhaus unter der Adresse Rheinaustraße 6 (Flur 5, Nr. 102) und ein 1924 errichtetes Gärtnerhäuschen an der Ecke zur Nikolausstraße. In Westhoven leitete Alfred gemeinsam mit seinem Bruder Carl bis zum Ende des Jahres 1926 ein Filialwerk der Mannesmann-Mulag, das als "Motoren- und Lastwagen AG" Lastwagen und Zugmaschinen reparierte und sportliche Autos entwickelte, darüber hinaus gab es hier noch weitere Mannesmann-Aktivitäten. Alfred Mannesmann war in vielfältige, auch ausländische Geschäfte involviert, daher hielt er sich zumeist außerhalb Westhovens auf. Bereits 1922 geben Zeitungen Zürich als seinen Wohnsitz an, ab Herbst 1924 Berlin. Sein Familie verblieb bis 1927 in der Villa und zog dann nach Berlin. Bereits 1927 war die Villa zum Verwaltungssitz der Ziegelei Westhoven GmbH geworden[2]. Zwischen 1929 und 1934 finden sich zur Villa hingegen keine Einträge.

Das Landjahrlager Westhoven[Bearbeiten]
Im Jahr 1935 vermietete die Familie das Gebäude an das Reichsamt für Arbeitsvermittlung. Die Nationalsozialisten hatten das Landjahr-Programm der Weimarer Republik gegen die Jugendarbeitslosigkeit ausgeweitet und für alle Jugendlichen, die die Volksschule nach der achten Klasse verließen, verbindlich gemacht. So wurde die Villa Mannesmann jährlich für acht Monate vom 15. April bis 15. Dezember als Landjahrlager zur Gemeinschaftsunterkunft. Zum Dienst in einer Lageratmosphäre gehörten "Nationalpolitische Schulung", vormilitärische Ertüchtigung und Arbeitseinsätze in der Landwirtschaft. Die Jugendlichen waren absichtlich weit ihres Heimatortes untergebracht. Elternbesuche im Lager waren verboten und Heimaturlaub gab es nicht. Lagerführer für rund 100 Jugendliche in Westhoven war Arthur Förster. Anfang Dezember 1936 wurde für die Bevölkerung auf einem Landjahrabend im Porzer Hof das Lager der zu dieser Zeit aus Sachsen stammenden Jugendlichen inszeniert: "Lagerführer Förster gab ein Bild aus den Arbeiten im Landjahr: die Jugend solle körperlich gekräftigt, weltanschaulich gefestigt und innerlich mit den Werten Blut und Boden verwachsen, in straffer Haltung ins Leben gehen."[3] 1939 wird das Lager noch aufgeführt, vermutlich wurde es bei Kriegsbeginn aufgelöst. Das Haus erhielt 1944 einen Bombentreffer.
Erneuter Familiensitz[Bearbeiten]
Alfred Mannesmann war 1944 bei einer Tochter in Barsinghausen bei Hannover an einer Lungenentzündung verstorben. Seine Familie setzte die Villa in Westhoven nach Kriegsende wieder instand und zog hierhin zurück. Dabei veränderte sie auch einiges baulich. Der zweite Sohn Dieter Mannesmann (1911-1956) entwickelte hier den Prototypen des ersten elektronischen Blitzgerätes und gründete in den Räumen der Villa nach der Währungsreform 1948 seine Firma Dr. Ing. Mannesmann Apparatebau. Für die prosperierende Firma errichtete er im weitläufigen Garten eine neue Produktionshalle. Dieter Mannesmann starb 1956 durch einen Unfall, seine Frau Flora leitete in den folgenden 17 Jahren das Unternehmen. Die Mutter Elisabeth Mannesmann lebte weiterhin in der Villa, sie starb im Juni 1961. Im Jahr 1973 wurde die Firma Multiblitz Mannesmann an den neuen Geschäftsführer verkauft, der den Standort zunächst nicht veränderte.
Jüngere Geschichte[Bearbeiten]
Die Immobilie und die Gebäude hatte der neue Geschäftsführer nicht erworben. Sie erhielt zwischenzeitlich die Adresse Oberstraße 89-91. In den 80er Jahren erfolgten in der Villa einige Umbauten. 1985 schließlich verlagerte die Firma Mulitblitz ihren Sitz in ein neues Gewerbegebiet in Eil. Im selben Jahr wurde die Villa unter Denkmalschutz gestellt, die Produktionshalle abgerissen und der große Garten als Bauland vermarktet. Unter den Adressen Oberstraße 87a bis 87g, Mainstraße 30-40b und Mainstraße 42-44c entstand daraufhin ein neuer Straßenzug aus Reihenhäusern. Zur Jahrtausendwende erfolgte eine grundlegende Restaurierung, Modernisierung und Vermietung der Villa. Eigentümer war zu dieser Zeit eine private GbR, sie schloss einen langfristigen Mietvertrag mit einem gewerblichen Mieter. Im Jahr 2020 kaufte der Kölner Immobilieninvestor Dr. Küster die Villa, nunmehr unter der Adresse Oberstraße 89-91. Das Haus war die Station 3.13 des Kulturpfad Porz.
Quellen und Links[Bearbeiten]
- Bestand des HAStK, Best. 9030B A 1787
- Innenansichten auf der Website Dr. Küster Grundbesitz