Fabrikgelände Hochkreuz



Fabrik elektrischer Zünder[Bearbeiten]
Am Hochkreuz nördlich von Eil entstand 1910 auf dem früheren Gelände einer Sprengstoff-Fabrik an der Frankfurter Straße eine Zünderfabrik. Sie trat ab dem 31. Mai 1910 zunächst als Wilhelm Bentsch, Berlin, Zweigwerk Eil unter der Adresse Frankfurter Chaussee 100 in Erscheinung.[1] Bereits 1911 firmiert sie aber als Zünderfabrik Bartsch & Real GmbH Fabrik für Grubenbetrieb. Zweck der Firma war die "Herstellung elektrischer Minenzünder und Zündmaschinen sowie anderen Grubenbedarfs". Das Stammkapital betrug 80.000 Mark. Geschäftsführende Gesellschafter waren W. Bartsch aus Köln-Deutz und J. Real aus Essen-Ruhr.[2]
Zwei schwere Unfälle ereigneten sich 1912 und 1913. Am 12. Juli 1912 abends kamen beim Brand eines leerstehenden Schuppens auf dem Betriebsgelände die kleinen Söhne (3 und 5 Jahre) des Betriebsleiters Josef Pohl ums Leben. Die Familie wohnte direkt gegenüber der Fabrik im Fabrikkontor. Die Kinder waren dem Kutscher nachgegangen und unbemerkt zurückgeblieben.
Am 25. September 1913 entzündeten sich morgens Pulverblätter, die durch Sprengstoffspuren verunreinigt waren, beim Transport auf den Armen des Mädchen Paula Schnell. Es kam wohl häufiger vor, dass die Reibung beim Transport Blätter entzündete. Vor Aufregung warf das Mädchen die Blätter aber nicht auf den Boden, sondern in eine Kiste mit weiteren Pulverblättern. Dadurch vergrößerte sich der Brand, den der Schlossermeister Linke aus Eil zu löschen suchte. Zwar verließen 15 Arbeiterinnen vorschriftsmäßig den Raum, blieben jedoch unmittelbar hinter der Tür stehen. Das Feuer erreichte zwischenzeitlich fünf fertig gepackte Kisten mit Zündplättchen, jedes enthielt 120 Gramm Sprengstoff. Es folgte eine gewaltige Explosion. Der Schlossermeister Linke aus Eil und die 17-jährige Arbeiterin Katharina Ihnenfeld aus Rath erlitten lebensgefährliche Verletzungen, die 15-jährige Sybilla Mombauer aus Eil wurde getötet. Der 36-jährige Schlossermeister starb wenige Stunden später im Krankenhaus Kalk an seinen Verletzungen. 14 weitere Personen wurden durch einstürzende Dach- und Mauerteile verschüttet und teils schwer verletzt. Die Zündplättchenabteilung und der hintere Teil der Fabrik wurden bei der Explosion völlig zerstört.[3]. Bereits gegen 8 Uhr trafen die drei Porzer Ärzte ein und befaßten sich mit den Verletzten. Im Werk arbeiteten offensichtlich in erheblichem Umfang Kinder und Jugendliche aus Eil. Am 19. Oktober wurde der Betrieb wieder aufgenommen, die bei der Explosion zerstörten Fabrikgebäude wurden noch 1913 wieder aufgebaut. Das Unternehmen bestand bis 1915, dann wurde die Konzession an die FEZ weitergereicht.
Die Fabrik Elektrischer Zünder GmbH (F.E.Z.) war im Jahr 1895 als Tochtergesellschaft der 1886 in Köln gegründeten Rheinisch-Westfälischen Sprengstoff-Gesellschaft (RWS) entstanden. 1916 verlagert die F.E.Z. aus Platzgründen ihre Produktion von Troisdorf an das Hochkreuz nach Eil und erweiterte die Gebäude um ein Kesselhaus, ein Labor und ein Magazin. Es entand eine neue Zündhütchenfabrik, die Zünder waren ebenfalls für den Bergbau bestimmt. Während des Ersten Weltkriegs wurden in der Fabrik sicherlich auch Kriegswaffen produziert. Unmittelbar nach dem Krieg berichtet die Zeitung über den Diebstahl von Handgranaten und Zündern[4]. Die Fabrik am Hochkreuz produzierte zumindest bis zum Jahresende 1927.
Im Juli 1916 erwarb das Unternehmen an der Steinstraße von der Metallwerks Franz Dittert ein größeres Gelände zur Schaffung von Büroräumen und weiteren Fabrikanlagen. Gebaut wurde dann eine kleinere Produktionsanlage in der Nähe der Kleinbahn-Haltestelle an der Steinstraße 17. Der Betrieb lief hier von 1916 bis 1925. 1933 wurde dieses Gebäude an der Steinstraße dann an Franz Pfaff verkauft.
Im Juni 1931 fusionierten rückwirkend zum 1. Januar desselben Jahres die RWS (Sitz Köln) mit anderen westdeutschen Sprengstoffwerken und der Hamburger Dynamit Aktiengesellschaft zur Dynamit AG mit Sitz in Troisdorf, die so zur Besitzerin der leer stehenden Immobilie am Hochkreuz wurde.
1933-1936: Ausbildungslager und Folterstätte der SA[Bearbeiten]
Seit dem 2. März 1933 gab es bis in den August 1933 hinein ganz offiziell überall in Deutschland eine Hilfspolizei, zusammengestellt aus SA-, SS- und Stahlhelm-Mitgliedern. Diese Kräfte erhielten das Recht, gemeinsam mit der Polizei Wohnräume zu durchsuchen und Personen, die anhaltender politischer Betätigung verdächtigt wurden, in Gefängnisse zu überführen und dort zunächst ohne Haftbefehl als so bezeichnete Schutzhaft auch festzuhalten. Kaum im Amt als kommissarischer Bürgermeister von Porz, verfügte Hermann Oedekoven Ende März 1933 die Einrichtung einer Polizeiunterkunft zur Ausbildung der Hilfspolizei.
"Zu diesem Zweck wurde die ehemalige Zünderfabrik an der Steinstraße als Kaserne eingerichtet. Mit den wenigen zu Gebote stehenden Mitteln hat man hier eine Einrichtung geschaffen, die als mustergültig bezeichnet werden kann."[5]
Die Gesamtleitung hatte zunächst ein Oberleutnant der Kölner Schutzpolizei, ihn unterstützten Beamte der Landjägerei. In den Ausbildungskursen wurden jeweils 120 Mitglieder von SA und SS aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis zu Hilfspolizisten ausgebildet. Geplant war eine Ausweitung der Ausbildung für den gesamten Regierungsbezirk Köln.

In der ersten Julihälfte 1933 veränderten SA-Männer der Standarte 65 aus Porz, Wahn, Bensberg und Bergisch-Gladbach im Auftrag des Rheinisch-Berigschen Kreises die Ausbildungsstätte für Hilfspolizisten in eine SA-Führerschule. Zu ihrer Finanzierung wurden alle Gemeinden des Kreises angewiesen, zunächst für drei oder sechs Monate einen Beitrag von 50 Reichsmark zu leisten.
Außer der Führerschule wurde auf dem Gelände zudem ein sogenanntes Schutzhaftlager geschaffen. Der Standort erschien günstig, weil fern aller Wohnbebauungen. Hierzu bereitete die SA die Gebäude auf die geplante Unterbringung von über 60 Personen vor: Die zweistöckige Schlosserei und ein Gebäude am Maarhäuser Weg wurden als Massenunterkünfte hergerichtet. Räume des Pförtnerhauses an der Frankfurter Straße wurden zu Vernehmungszimmer und Wachstube. Im Kesselhaus entstanden Zweimannzellen, in seinem Keller jedoch ein Folterraum. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 1933 wurde eine im Porzer Raum geplante Aktion unter Beteiligung von sieben Polizeibeamten und rund 20 bis 25 SA-Männern durchgeführt. Sie durchsuchten in sieben Trupps die Wohnungen einer langen Liste von Verdächtigen und verschleppten zwischen 60 und 75 Personen, ganz überwiegend Kommunisten und einige Sozialdemokraten, auf das umzäunte Fabrikgelände. Während der folgenden Tage mißhandelten SA-Schläger 16 der verschleppten Männer schwer: Sie schlugen mit Stöcken und Gummiknüppeln, tauchten die Männer minutenlang in Eiswasser, hängten sie an der Decke so auf, das ihre Zehenspitzen gerade den Boden erreichten.
Zwischenzeitlich hatte sich die Zahl der Mißhandelten noch um 40 Personen aus dem weiteren Umland vergrößert, die auf Geheiß der Polizeibehörde in Bergisch-Gladbach aus ihren Wohnungen, aus anderen Schutzhaftlagern oder auch Gefängnissen zum Hochkreuz verschleppt wurden, um aus ihnen Geständnisse herauszuprügeln. Erst Ende Juli 1933 wurde der größere Teil der Insassen freigelassen, 21 Personen hingegen in das Kölner Zuchthaus Klingelpütz zur weitern Verfolgung überstellt. Im Januar 1934 starb der Eiler Matthias Neu an seinen erlittenen inneren Verletzungen.
Edmund Schiefeling, Verleger und Chefredakteur der zentrumsnahen Bergischen Wacht in Engelskirchen, wurde bereits seit Mitte März 1933 durch die SA verfolgt und hatte sich zeitweise dem Zugriff durch Flucht entzogen. Bei einem Termin am 18. August in Bergisch-Gladbach nahmen ihn Polizeibeamte und SA-Männer überraschend in "Schutzhaft", brachten ihn in das Lager Porz in eine leer stehende Halle und ließen ihn allein. Man wollte ihn durch eine nicht verschlossene Tür zum Fliehen veranlassen und dann "auf der Flucht erschießen. Da Schiefeling jedoch verharrte, fuhr man ihn noch in der Nacht - angeblich auf Anordnung der SA-Gauleitung - zurück nach Engelskirchen[6]. Die NSDAP-Kreisleitung belegte das Lager am Hochkreuz im November 1933 erneut kurzzeitig mit 21 männlichen Gefangenen aus dem Kreis Lindlahr, um diese einzuschüchtern. Diese Personen hatten sich lediglich geweigert, an den Novemberwahlen teilzunehmen.
Nach diesen Geschehnissen nutzte die SA die Bauten auch weiterhin als SA-Schulungsstätte. Noch im April 1936 nannte eine örtliche Tageszeitung das Hochkreuz als Adresse für die Entgegennahme von SA-Spenden. Der entlang des Grundstücks verlaufende Weg vom Hochkreuz nach Rath hieß bislang Maarhäuser Weg. Nach 1933 wurde er von den Nationalsozialisten in Peter-Hermann-Straße umbenannt. Es war eine Zusammensetzung aus den zwei Vornamen von Peter (?) und Hermann Oedekoven. Nachdem Bürgermeister Oedekoven unrühmlich aus seinem Amt schied, wurde die Straße noch vom NS-Gemeinderat am 1.12.1943 in Maarhäuser Weg zurückbenannt.

Nutzungen des Geländes ab 1938[Bearbeiten]
1938 wird als Eigentümer eines Teils des Areals Peter Graf genannt. Er baute im östlichen Areal einzelne Gebäude für die Zwecke seines Betriebs um, in dem er zunächst Modell- und Schreinerarbeiten ausführte. 1943 firmiert Peter Graf als Maschinen-Apparate-Bau Rohrleitungen Industrie-Bed. Werk Hochkreuz
Nachfolger des Betriebs wurde etliche Jahre später die Firma Porzer Camping- und Freizeitmarkt Caravan Holke von Claus Holke. Unter der Adresse Maarhäuser Weg 2-6 verkaufte und verlieh sie Wohnwagen und Reisemobile, verkaufte Campingbedarf und Gasflaschen und war auch als Prüfstelle für Gasflaschen lizensiert. Wohnwagen und Wohnmobile konnten hier auch untergestellt werden. Der Geschäftsbetrieb endete 2021/22.
Nutzer des Kesselhauses und der umliegenden Gebäude und Flächen wurde ab Januar 1948 die Firma Rus-Papier GmbH der Familie Rus. Sie produzierte unter der Adresse Frankfurter Straße 774-776 Verpackungslösungen, unter anderem mit einem Umroll- und Formatschneidebetrieb, und handelte mit Industriepapieren am Standort Hochkreuz bis in das Jahr 2022, dann verlegte sie ihren Sitz in den Aachener Raum.
Im Januar 2021 kaufte die Stadt Köln den westlichen Teil des Geländes, auf dem ein vermietetes Wohnhaus und Nebengebäude standen, darunter das Pförtnerhaus. Die Fläche sollte zur Verbreiterung der Frankfurter Straße genutzt werden. Der größere östliche Teil blieb im Besitz der Immobilienholding OSMAB, die das Gelände verwerten wird. Im Januar 2023 wurden alle noch bestehenden Gebäude auf dem Grundstück abgebrochen, nur einzelne Bäume und Baumgruppen blieben stehen. Das mit der ursprünglichen Dynamitfabrik errichtete Kontorhaus auf der gegenüberliegenden Seite der Frankfurter Straße war bis zu einem Großbrand im April 2022 ein Restaurant. Inzwischen ist es weitgehend abgerissen.
Auf dem Gelände am Hochkreuz wurden in den Jahren 2025/26 durch die OSMAB-Tochter Acaro mehrere große Logistikhallen (Log Plaza Colonia 3) gebaut. Auf einer der Frankfurter Straße zugewandeten Hallenaußenwand gestaltete der Künstler Falk Lehmann (AKUT) ein Großbild im Auftrag der OSMAB, dass an die Nazi-Verbrechen in der zweiten Jahreshälte 1933 erinnert. Es zeigt ein Gebäude aus dieser Zeit und ein mehrteiliges Gesichtsporträt, im Segment ganzt links Anne Frank, im Sgement ganz rechts MArgot Friedländer. Gerahmt wird das Porträt von dem Text: "Erinnerung verpflichtet. Was hier geschah, bleibt Teil unserer Verantwortung."
Quellen, Literatur und Links[Bearbeiten]
- Gebhard Aders: Das Schutzhaftlager der SA am Hochkreuz in Porz-Gremberghoven. In: Rechtsrheinisches Köln 8.1982.
- Ausarbeitung von Schülern des Maximilian-Kolbe-Gymansiums 2009 zum NS-Lager. (Die Passagen zum "Durchgangslager" und zur Firma Stellawerk verwechseln allerdings das Hochkreuz und das Lager in Bergisch-Gladbach) (Link)
- Das NS-Schutzhaftlager auf KuLaDig (Link)
- Website der Rus-Papier GmbH (Link)
- ↑ lt. Aufstellung Gebhard Aders: Porz um 1910. In: Rechtsrheinisches Köln 12.1986, S. 113.
- ↑ vgl. ETZ 1911, S. 1123.
- ↑ vgl. Berichte im Porz-Urbacher Volksblatt
- ↑ vgl. Porz-Urbacher Volksblatt v. 13.2.1919
- ↑ vgl. Westdeutscher Beobachter, Ausgabe Rheinisch Bergischer Kreis, v. 6. April 1933
- ↑ vgl. Ruland, Peter: Edmund Schiefeling im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. In: Indoktination, Unterwerfung, Verfolgung. Lindlahr 2021.