Haben Sie sich auch schon mal gefragt, was wohl in den großen markanten Hallen an der Frankfurter Straße hinter der Autobahnauffahrt Lind hergestellt wird? Erst kürzlich wurden neue Gebäude zwischen Bahntrasse und Frankfurter Straße errichtet. Hier produziert die igus GmbH. Und der Standort befindet sich gerade so in den Grenzen von Porz-Lind. Wir haben uns den Betrieb kürzlich angeschaut.
igus steht für „Industriespritzguss“ – ein Verfahren zur Fertigung von Kunststoff-Komponenten, das bereits 1872 in den USA erfunden wurde. 92 Jahre später kaufte 1964 in Köln-Mülheim der Holzingenieur Günter Blase eine Spritzgussmachine und stellte sie in einer angemieteten Doppelgarage auf. Er hatte während seines Studiums auch das Fach Kunststofftechnik belegt und war von ihr fasziniert. Zunächst sammelte er neun Jahre praktische Erfahrungen mit technischen Kunststoffen bei den ACLA-Werken in Köln-Buchheim. Dann wagte er im Alter von 34 Jahren den Sprung in den Selbständigkeit – seine gleichaltrige Gattin Margret übernahm als ausgebildete Steuerfachfrau den kaufmännischen Part und versorgte zugleich ihre beiden Kinder.
Zu dieser Zeit hatte die Industrie noch Vorbehalte gegen Kunststoffe und schwörte auf Metalle und Gummimischungen. Doch Günter Blase glaubte an seine Idee und spezialisierte das Unternehmen auf langlebige Hochleistungskunststoffe für bewegte Anwendungen. Für diese „Motion plastics“ werden von der igus GmbH Polymere und Additive auf spezifische Weisen gemischt. So entstehen Kunststoffe, die Bewegung ermöglichen – ob als Gleitlager, Energieführungskette oder flexible Spezialleitung.
Überall wo sich Teile gegeneinander bewegen können die schmierfreien und langlebigen Komponenten heute eingesetzt werden – von der Medizintechnik bis zur Hafenlogistik. Die igus GmbH war dabei so erfolgreich, dass sie inzwischen weltweit 20 Produkt-Linien mit 245.000 Artikeln anbietet. Aus dem Garagen-Startup ist inzwischen ein Betrieb erwachsen, der über 5.000 Mitarbeitende beschäftigt, weltweit 37 Standorte hat – darunter in Rhode Island, USA und Shanghai, China – und 2024 einen Umsatz von 1,1 Mlilliarden Euro erzielte.
Das Wachstum führte das Unternehmen aus der Doppelgarage zunächst 1977 in die historischen Gebäude der Locher Mühle nach Bergisch-Gladbach. Dort vollzog sich 1983 auch der Schritt vom Zulieferbetrieb für Kunststoffteile zur Fertigung vollständiger Komponenten mit eigenem Vertrieb. Doch auch in Bergisch-Gladbach wurden die Flächen bald zu klein und so erwarb igus im Herbst 1988 das heutige, 40.000 qm große Gelände. Die Anforderungen an die Gebäude erhielt auch der britische Architekt Sir Nicholas Grimshaw. Er entwarf eine flexible Fabrik, die seit 1992 in acht Bauphasen entstanden ist und ständig vergrößert wurde. 1994 – beim Umzug – beschäftigte das Unternehmen gerade 150 Mitarbeitende.
Heute umfassen die Gebäude mit den markanten gelben Pylonen 90.000 qm. Darunter dienen 5.500 qm für Versuche. Jährlich 15.000 Tests prüfen Prototypen und Produkte. Mit Tüfteln und Exerimentieren hat Günter Blase die Firma großgemacht – heute steht in Lind eines der weltweit größten Labore seiner Branche. Und auch unter dem heutigen Firmenchef, Sohn Frank Blase – er ist seit Anfang der 80er Jahre im Unternehmen – wird weitergetüftelt: so am igus:bike, konzipiert als rostfreies Leihbike für Urlaubsorte am Meer. Es wird in Kooperation mit einem niederländischen Start Up produziert – weitgehend aus Kunststoff, nichtrostend und wartungsarm.
95 Prozent aller Artikel stellt igus heute in Lind auf inzwischen 800 Spritzgussmaschinen her, Kleinauflagen entstehen im 3D-Druck. Hierzu werden hunderte Kunststoffe eingekauft, veredelt und vermischt. Rund 500 geheime Rezepturen ergeben die Granulate als Ausgangsmaterialien. Bei der Fertigung werden zudem Roboter eingesetzt – auch im Transport. Im Zentrum des „igus Sonnensystems“ steht der Kunde, umgeben von den Teams des Unternehmens. Als einen Signale aussendenden Satellit versteht sich die Führungsriege. Ihr gehören neben Frank Blase vier weitere Geschäftsführer an. Tobias Vogel, Geschäftsführer Gleitlager & Lineartechnik, war unser Gesprächspartner. Er ist in Porzer Stadtteilen aufgewachsen und zur Schule gegangen.
Die Hierarchien des Familienbetriebs sind flach, die Büros offen und untereinander spricht man sich bereits seit 1990 mit „Du“ an. Als Arbeitgeber ist igus attraktiv. 80 Nationen arbeiten hier. Zumeist als Ingenieure, Techniker, Kunststoff-Formgeber, Werkzeugmacher, Industriekaufleute oder Montagearbeiter. Hinzu kommen zahlreiche Stellen in Verwaltung, Vertrieb und Logistik. igus bildet auch aus – rund 100 junge Menschen befinden sich aktuell im ersten bis dritten Lehrjahr. Zudem gibt es weitere interne Ausbildungsprogramme, zum Beispiel für ungelernte Kräfte zum Lageristen. Schüler- und Studentenprojekten bietet igus Förderungen an. Das Unternehmen ist bewusst bei der 40-Stunden-Woche geblieben. Gleitzeit, Gleittage und vielfältige soziale Zusatzleistungen dienen dazu, dass igus im Wettbewerb um die Fachkräfte der Zukunft gut aufgestellt ist.
Übrigens: Auch die zwischen Zündorf und Weiß pendelnde beliebte Rheinfähre „Krokodil“ des Besitzers Niklas Thiel profitierte kürzlich von igus. Sie war im Dezember 2023 durch einen Sturm schwer beschädigt worden. Igus spendierte ein neues Scheibenwischer-Aggregat mit Zahnriehmen, Motor und Steuereinheit – langlebig, wartungsarm und schmiermittelfrei.




