Elektro-Isolier-Industrie

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Die Gründungsphase[Bearbeiten]

Im September 1919 begann der Techniker und Kaufmann Wilhelm Ruppert (1889-1965), gelernter Eisendreher aus Neuss, in Wahn unter der Adresse Wahn 173 mit dem Aufbau eines Werkes für elektrotechnische Isolierstoffe, unterstützt vom Klempnermeister Jean Neesen aus Porz. Auf dem Gelände befand sich vorher die Brauerei Zum Stern. Ruppert gehörte bis vor wenigen Jahren eine Apparate-Bauanstalt in Neuss, durch den Weltkrieg war er jedoch gezwungen, sein Auskommen in der Porzer Firma Meirowsky & Co als Techniker zu finden. Doch er strebte schon bald wieder nach Selbständigkeit, begleitet von einigen Kollegen aus dem Werk.

Die Elektro-Isolier-Industrie mit beschränkter Haftung, so ihr erster Name, enthielt im Herbst 1920 eine Konzession zum Betrieb einer Fabrik elektrischer Isoliermaterialien und einer Firnissiederei. Sie fertigte zunächst Lackdraht auf selbstgebauten Maschinen. Für die Produktion wurde neben der Lackiererei 1921 auch ein Gaswerk errichtet, weil Gasdruck und Qualität beim Bezug aus dem öffentlichen Netz zu sehr schwankten.

Umweltverschmutzungen und dauerhafte Emissionen[Bearbeiten]

Zur Gasgewinnung wurden Briketts und Braunkohlen zur Vergasung gebracht. Bei dem Prozess fiel seit 1921 mit Teer angereichertes Wasser an, dass in den nächsten vier Jahren in frei einfachen Schlinggruben deponiert wurde und dabei noch 1927 im Erdreich versickerte und ins Grundwasser eindrang. Zudem wurden auf dem Werksgelände Teer und Lackabfälle verbrannt, der sich bildende schwarze Qualm führt bei Nachbarn zu Atembeschwerden und Kopfschmerzen. Schließlich gab es auch Geruchsbelästigungen durch die Drahtlackiermaschinen, verstärkt ab 1922 durch die Errichtung einer genehmigten Lackfabrik[1]. Die Schlakereste und Industrierückstände entsorgte die Firma auf dem öffentlichen Deponiegelände Poststraße. Als der Bürgermeister sie 1924 aufforderte, ein eigenes Deponiegelände zu nutzen, drohte Ruppert mit der Entlassung sämtlicher Arbeiter der Gemeinde und ihrem Ersatz durch Auswärtige. Daraufhin erlaubte der Bürgermeister die Ensorgung in die alte Kiesgrube am Liburer Weg. Ab 1929 sorgten neue Verfahren in Lackiererei und Gaserzeugung für eine merkliche Reduktion der Emissionen. Jedoch blieben sie den Wahner als ständige Geruchsbelästigungen und wohl auch als gesundheitliche Beeinträchtigungen durch freigesetzte Lösungsmittel bis in die 1960er Jahre erhalten.[2]

Der Ausbau des Werkes bis in den 2. Weltkrieg hinein[Bearbeiten]

Bald nahmen Neubauten Anlagen zur Erzeugung von Hartpapier und Hartgewebe auf, wofür auch die Installation einer Dampfkesselanlage notwendig wurde. Diese Erzeugnisse trugen den Markennamen "Wahnerit". Das Werk machte sich auch durch Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in der Isoliertechnik-Branche einen Namen. Bereits nach zehn Jahren beschäftigte das Werk auf einer Fläche von 32.000 qm rund 430 Personen, das Farikgelände expandierte weiter nach Süden und Osten. 1929 erfolgte auf einem zugekauften Grundstück der Neubau eines dreigeschossigen Drahtlackierwerks, im selben Jahr wurde das alte Gaswerk durch eine neue Gaserzeugungsanlage ersetzt. Auch 1929 trat Otto Beel (1897-1961) als technischer Direktor in den Betrieb ein. Der Bruder von Wilhelm Rupperts Ehefrau Johanna - die Heirat war 1913 - wohnte zunächst in der Schießplatzstraße 27, dann 24, also unweit des Werkes, das die Nr. 38 führte. Die Familie Ruppert hingegen wohnte nie in Porz, sondern in Köln-Marienburg[3]. Im Jahr 1931 kamen ein Brunnen und ein Wasserturm zu den Gebäuden hinzu. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten hieß die Adresse ab August 1933 nun Adolf Hitler-Straße. Auch im Werk begann die Nazizeit - mit der Konstituierung einer NSDAP-Werkjugend und einer NDSAP-Frauengruppe. Aber es gab auch ein Werksorchester. In den Jahren 1934/35 entstand das Kessel- und Maschinenhaus mit einem 70 Meter hohen Schornstein neu, hier wurde auch Strom erzeugt. 1935 ging eine neue Lackfabrik in Betrieb, auch ihr Grundstück erweiterte die Werksfläche. Im selben Jahr entstand ein Gemeinschaftshaus mit Kantine als Versammlungsort der Belegschaft.

Ab Herbst 1936 lief die Frist von Hitlers geheimen Vierjahresplans zur Kriegsvorbereitung. Die Anforderung, deutsche Industrien von ausländischen Rohstoffen unabhängig zu machen, hatte auch Auswirkungen auf die Isolierindustrie: Nun galt es, in der Drahtummantelung Öllacke durch synthetische Lacke zu ersetzen. Am 8.12.1936 zerstörte ein Großbrand die Drahtlackiererei, bei ihrem Wiederaufbau wurde sie erweitert. 1937 entstanden zwei große Hallen zur Hartpapiererzeugung. Im gleichen Jahr firmierte das Unternehmen in Elektro-Isolier-Industrie Wahn Wilhelm Ruppert KG um. Im Jahr 1938 wurde die S-Kurve in der Verbindungsstraße zwischen Kaserne und Frankfurter Straße durch einen Straßenneubau beseitigt[4]. Daraufhin erwarb das Unternehmen neue Flächen und errichtete 1939/40 am nordöstlichen Rand ein Freibad von 40x15 Metern Beckengröße mit Umkleideräumen[5]. Amtliche Genehmigungen für weitere geplante Sozialräume wurden kriegsbedingt nicht erteilt. Inzwischen war ein Mitarbeiterstamm von 700 Beschäftigten erreicht. Zum Freibad, das durch eine hohe Mauer gegen die Adolf-Hitler-Straße abgeschirmt war, hatte neben den Werksangehörigen auch die Nachbarschaft Zutritt, es war auch in der Nachkriegszeit noch in Betrieb. Beim Bau des neuen Expeditionsgebäudes mussten im Mai 1939 bereits Belange des Luftschutzes (Schutzräume und Verdunkelungsmöglichkeiten) berücksichtigt werden. Weitere Neu- und Erweiterungsbauten folgten.

Im 2. Weltkrieg wurde das Werk zunächst nicht als Rüstungsbetrieb eingestuft, eine Umstellung der Produktion erfolgt nicht. Ab 1940 beschäftigte Wilhelm Ruppert Zwangsarbeiter - zunächst nur 20 bis 25 französische Kriegsgefangene. Doch schon bald waren es auch Frauen und Männer aus Polen und der Sowjetunion. Sie waren während des Krieges im Barackenlager auf dem Werksgelände untergebracht - insgesamt 223 Personen. Auf Druck der Rüstungsdienststellen, später auch, um wertvolle Maschinen zu schützen, wurden im Verlauf des Krieges Produktionsbereiche nach Oberilm in Thüringen verlegt. Die Versorgung mit Engergie- und Rohstoffen wurde immer problematischer. Ab November 1944 beurlaubte das Werk zunächst weibliche Beschäftigte, im März 1945 schloss es zunächst seine Tore.

Die Nachkriegszeit: Wiederaufbau, Rationalisierung und Ende[Bearbeiten]

Durch die geringen Zerstörungen konnte die Produktion des Werkes bereits Ende 1946 erneut aufgenommen werden. Jedoch gab es in der Mangelwirtschaft kaum Rohstoffe und Industriekunden. Gefertigt wurden zunächst mit US-Lizenz Formex-Drähte unter der Bezeichnung Rupmex. Weitere Drähte folgten. 1954 begann in vier neuen Hallen die Fertigung von Formica-Schichtstoffplatten, wiederum unter US-Lizenz. Doch schon 1960 gründete der Lizenzgeber die deutsche Formica GmbH und erwarb für die Fertigung ein 50.0000 m² großes Gelände in Lind an der Troisdorfer Straße. 1959/60 entstand der noch heute vorhandene rund 40 m hohe Kugelwasserturm[6]. Er war der erste in Deutschland errichtete Stahlwasserturm, die Kugel nahm rund 200 m³, der Schaft 150 m³ Brauchwaser auf.

Um 1956 waren knapp 1000 Personen auf einer Fläche von 75.000 m² tätig. Bereits 1951 hieß die Verbindungsstraße von der Frankfurter Straße bis zur Fabrik Wilhelm-Rupert-Straße. 1961 übernahm Sohn Wilhelm Ruppert jr. die Werksleitung und wurde nach dem Tod des Gründers gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester Margarethe, verheiratete Willems, Inhaber. 1967 firmierte das Unternehmen als Wilhelm Ruppert GmbH mit einem Stammkapital von lediglich 20.000 DM. Die Modernisierungen der 1960er Jahren waren auch mit Rationalisierungen verbunden, den Innovationsschwung der ersten Generation hatte das Unternehmen - bei steigender internationaler Konkurrenz - jedoch verloren. 1969 beschäftigte das Werk rund 700 Personen, 1971 rund 560 Mitarbeiter. Nach gescheiterte Fusionsverhandlungen kappten die Banken im Frühjahr 1972 die Kreditlinien, das Werk war nun trotz Vollbeschäftigung und guter Auftragslage überschuldet und ein Vergleichsverwalter musste eingesetzt werden. Zunächst wurden nur Betriebsrenten nicht mehr ausgezahlt, doch im September eröffnete ein Gericht das Konkursverfahren. Im März 1973 wurde jedlicher Betrieb in Wahn eingestellt, der Maschinenpark versteigert.

Nachnutzung[Bearbeiten]

Das 100.000 qm große Gelände erwarb der Immobilienmakler Wilfried Hilgert und kündigte an, hier drei- bis achtgeschossig 1000 Wohnungen zu bauen. Tatsächlich vermietete er Flächen und Gebäude an Gewerbetreibende, ließ er 1975 einen Teil der Gebäude abreißen und errichtete dort zwei Tennishallen und ein Restaurant. Im August 2007 erwarb ein neuer Eigentümer die Restflächen und eröffnete hier den Sirius Business Park.

Quellen, Literatur und Links[Bearbeiten]

Krix, Benno: Die Elektro-Isolier-Industrie Wahn. In: Rechtsrheinisches Köln 37/38. Köln 2013.
KStA Porz v. 13.9.1969

  1. Diese Umweltemissionen ergaben sich in ähnlicher Weise auch im Werk Meirowsky & Cie.
  2. Viele Anwohner arbeiteten im Werk und nahmen die Beeinträchtigungen hin, das änderte sich durch Wohnungsneubauten zu Beginn der 1960er Jahre.
  3. Beel wurde unter großer Anteilnahme der Wahner Bevölkerung 1961 auf dem Wahner Friedhof begraben, Ruppert 1965 auf dem Friedhof in Köln-Zollstock.
  4. Bis nach 1956 markierte noch eine Baumreihe den früheren Straßenverlauf durch das Werksgelände.
  5. Die Verpflichtung, einen Feuerlöschteich zu bauen, wurde zugleich als Sozialeinrichtung umgesetzt; Werksangehörige arbeiteten an der Errichtung in ihrer Freizeit unentgelich mit.
  6. Er wurde in der Konkursversteigerung 1973 zwar von einer Großgärtnerei ersteigert, die Umsetzung wäre aber teurer geworden als eine Neuanfertigung.