Dynamitfabrik Lind
Das Verfahren[Bearbeiten]
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte durch neue Produktionstechniken für Nitroglycerin als Sprengöl und Dynamit ein Gründungsboom von Sprengstoff-Fabriken besonders im Kölner Raum ein. Dadurch kam es in der Folge auch zu etlichen Fusionen, so dass Unternehmensnamen häufig wechselten und mitunter rückschauend die Eigentümerlage unübersichtlich wird. Die Fabriken waren ähnlich aufgebaut: Zunächst wurde Salpetersäure hergestellt und mit Schwefelsäure gemischt in Nitrierbottiche gefüllt. Durch Zugabe von Glycerin entsteht so Nitroglycerin. Dieses wurde gewaschen und getrocknet. Wird Kieselgur hinzugefügt, entsteht Dynamit. Alle Produktionsschritte müssen sorgfältig, mal unter Kühlung, mal unter Mindesttemperaturen, erfolgen.
Die Fabrik bis 1913[Bearbeiten]
Die Brüder Gerhard und Alfred Carstens kauften um 1880 das früheren Jahren von der Felten & Guilleaume genutzte Grundstück in Lind auf der Linder Höhe. Ihr Ziel war die Errichtung einer Fabrik zur Herstellung von Explosivstoffen, für die sie alsbald die notwendige Lizenz erhielten. Im Juli 1883 nahm die Deutsche Sprengstoff AG Hamburg (DSAG) die Produktion auf, die Gebrüder wurden Aktionäre. Das Werk selber wurde durch Spezialisten der Kölner Dynamitfabrik errichtet und dann auch geleitet. Bereits in den Jahren 1884/85 vergrößerten weitere Gebäude die Fabrik erheblich. Die allgemein einfach Dynamitfabrik Wahn genannte Fabrik verfügte über ein eigenes Wasserwerk. Seit 1886 fertigte das Werk auch Pikrinsäure. 1892 gehört das Werk zur Sprengstoff-Gesellschaft Kosmos, Hamburg. "Die gesamte Fabrikanlage bei Porz samt den überseeischen Lagern stand bei Ablauf des Jahres mit 281.520 M. (293.645 M.) zu Buch, während an Rohstoffen und Warenvorräten für 209.776 M. (350.284 M.) vorhanden waren"[1].
Im Jahr 1903 wurde der Gebrauch von Dynamit in den Steinkohlegruben des Rheinlands und Westfalens untersagt. Exporte nach Transvaal ersetzten diese Absatzmärkte. Auf dem Gelände lagerte immer auch Sprengstoff. Nach etlichen Unfällen zu Beginn des Jahrhunderts verbesserten Änderungen in den Produktionsverfahren die Sicherheit erheblich, zehn Jahre geschahen keinen nennenswerten Unglücke mehr. Ab Mai 1909 gab es auch eine Geschoßfüllstelle als "Preßhaus zur Herstellung von Granatfüllungen aus aromatischem Nitrokörper". Eine Dampfspeicherlokomotive, gebaut in der Maschinenfabrik Esslingen (Nr. 3654 B-fl, Spurweite 1435), wurde im Jahr 1911 an das Werk nach Wahn ausgeliefert. Im Mai 1911 starb der Verwalter der Fabrik, Peter Breidt, im Alter von 54 Jahren. Sein Nachfolger wurde Georg Krauß, nunmehr als Direktor bezeichnet[2].

Die Fabrik 1914 bis 1919[Bearbeiten]
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs beschäftigte die Fabrik 130 Personen. Im ersten Weltkrieg entstand eine Presserei und Füllstelle von Kampfmitteln. Das Unternehmen erweiterte das Betriebsgelände ungenehmigt, aber mit Duldung des Militärs, auf 6 ha mit 340 Gebäuden, darunter 170 Fabrikgebäude. Vermutlich auch in dieser Zeit wurde der Wasserturm errichtet. Ende März 1915 genehmigte der Gemeinderat die Nutzung des Mauspfades. Auf ihm wurde daraufhin ein Anschlussgleis an die Kleinbahn des Siegkreises gelegt. In den Jahren 1915 bis 1917 erhielt die Fabrik drei Dampfmaschinen von der Maschinenbau-Aktiengesellschaft Marktredwitz vorm. Rockstroh geliefert.
Als Nachfolger für Georg Krauß ernannte die Hamburger Zentrale zum Jahresende 1917 Dr. Hans Mettegang (1864-1940)[3] zum neuen Direktor des Werkes, er blieb es bis zur Abwicklung 1926.
Giftgas-Tests und Produktion von Giftgas-Granaten[Bearbeiten]
Im Ersten Weltkrieg wurden der Schießplatz, in Wahn zum weltweit ersten Testgebiet von Kampf- und Giftgasen sowie die Fanrik in Lind zum Produktionsstandort von Giftgas-Granaten für das deutsche Militär. Zwar hatte das Deutsche Reich 1910 die Haager Landkriegsordnung von 1907 ratifiziert. Hier untersagte §23a ausdrücklich "die Verwendung von Gift oder vergifteten Waffen". Jedoch gab der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn im Oktober 1914 den Befehl zur Entwicklung von Geschossen mit chemischen Inhalten, die den Gegner "dauerhaft kampfunfähig" machen. Im Oktober 1914 bildete sich eine Kommission, der auch Generaldirektor Carl Duisburg von der Farbenfabrik Bayer und der Berliner Chemiker Prof. Dr. Fritz Haber (1868-1934) angehörten.
Haber war Kriegsfreiwilliger und wissenschaftlicher Berater des Kriegsministeriums. Er befasste sich mit kriegswichtigen Chemikalien und übernahm in seinem Berliner Institut nun federführend die Entwicklung der Kampfstoffe. Erste Versuche mit Reizgasen gab es bereits im Oktober 1914 auf dem Wahner Schießplatz. Fritz Haber nutzte hingegen Chlorgas, bald schon mit einer Beimischung des deutlich wirksameren Phosgen (Lungenkampfstoff, Grünkreuz). Bereits Anfang Januar 1915 wurden unter strengster Geheimhaltung am Schießplatz Wahn Gas-Pionier-Einheiten aufgestellt. Zu ihrer Ausbildung traf Fritz Haber in Begleitung seiner Frau Clara und vermutlich weiteren Mitarbeitern ein. Die ersten drei Gas-Pionier-Kompanien wurden als Desinfektionseinheiten getarnt und durch das Berliner Team in der Technik und Taktik von Gasangriffen geschult. Bereits im Februar 1915 befanden sich die Gastruppen unter Aufsicht von Haber an der Westfront, um den ersten deutschen Gasangriff am 22. April 1915 in Ypern/Frankreich vorzubereiten[4].
Gegen den Test der Kampfgase in der Wahner Heide protestierten 1916 die Rösrather Bürger. Denn das Ausblasen von Chlorgas führte - je nach Windrichtung - noch in Rösrath zu Atemwegserkrankungen und Ernteausfällen. Chlorgas war in der deutschen Industrie als ein Nebenprodukt in großen Mengen vorhanden, doch schon bald ging das Militär auf reines Phosgen über, das wirksamer war. Um den Schutz durch Atemmasken zu vereiteln, wurde vorab Blaukreuz (Clark) in Granaten verschossen. Dieses produzierte auch die Dynamitfabrik Lind, sie stellte mit chemischen Giften gefüllte Granaten ab der ersten Jahreshälfte 1917 in großer Stückzahl her. Im Jahr 1917 produzierten inzwischen 7.000 in Wohnbaracken untergebrachte Arbeiter und Arbeiterinnen - zumeist sehr junge Frauen - Pulver, Dynamit, Pikrin sowie Granaten mit Blaukreuz bzw. "als Maskenbrecher" einer Mischung aus Blaukreuz und Grünkreuz. Viele Männer waren zwangsverpflichtet, Strafgefangene oder auch Kriegsgefangene.
Entmilitarisierung und Umrüstung[Bearbeiten]
Ende des Jahres 1918 wird die Produktion nach einer verheerenden Explosion am 9. November, die 76 Betriebsangehörige tötete und viele schwer verletzte, zudem viele Betriebsanlagen zerstörte - dann aber auch im Rahmen der Entmilitarisierung - eingestellt. Der Betrieb wurde demontiert bzw. umgerüstet, die Belegschaft sank auf 1.500 Personen. Die DSAG verlegte sich nun auf die Beseitigung (Delaborierung) von militärischen Sprengstoffen und die Herstellung von Bergwerkssprengstoffen. Es entstand eine Munitionszerlegungsstelle, die bis 1924 im Betrieb war. Hier wurde auch ein besonderes Ausschmelzverfahren für Kaliumperchloratminen eingesetzt, es befand sich 1921 noch im Versuchsstadium. Im Jahr 1925 wurde ein Rheinkanal gebaut, um die Qualität des eingesetzten Frischwassers zu steigern, doch zum Jahresende 1926 ruhte der Betrieb entgültig.
1929 erfolgte der Abriss nahezu aller vorhandenen Gebäude, im Jahr 1935 kaufte die Deutsche Reichswehr die Flächen. Zwischen 1926 und 1942 bestand auf dem Gelände eine der größten Schäfereien Westdeutschlands. Die Wirtschaftsgebäude hierfür wurden Turmhof genannt, Namensgeber war der alte Wasserturm.
Unfälle[Bearbeiten]


Die Arbeiten waren gefährlich, es kam zu vielen Unfällen, darunter
- 1884, Dezember: Explosion eines Waschkessels mit Nitrogycerinresten, ein Arbeiter wird getötet
- 1885, August: Explosion einer Patronierbude, ein Maurer und ein Besucher sterben
- 1900, 22. April: Explosion mit zwei Toten
- 1900, 24. Spetember: Explosion nach Blitzeinschlag, drei Tote und mehrere Verletzte
- 1904, 18. Mai: Explosion in der Denitrierung, ein Toter
- 1907, 4. Februar: Explosion mit starken Sach- und Gebäudeschäden
- 1907, 20. September: Explosion von 450 kg. Sprengstoff im Nitrierhaus mit starken Sach- und Gebäudeschäden, Bruch von Fensterscheiben in Lind und Wahnheide.
- 1908, 28. Januar: Explosion in einer Ölbude, ein Arbeiter aus Spich wurde getötet.
- 1915, 7. April: Nach einem Betriebsunfall starb der langjährige Meister in der Patronenfabrik Adam Hubert Döppen (1853-1915) aus Wahn; er war 30 Jahre in der Firma tätig.
- 1918, 14. Juli: Explosion durch Blitzeinschlag in die Säurebude, ein Toter
- 1918, 17. Juli: Explosion von gelagerten Seeminen, Zerstörung des Preßhauses; die Produktion ruht knapp 10 Wochen lang
- 1918, 9. November: Um 7:02 Uhr nach dem Schichtwechsel Explosion im Geschossfüllraum, 76 Tote und viele Verletzte[5]. Hinzu kommen einzelne Betroffene, die ihren schweren Verletzungen erst später erlagen. Die Explosion zwei Tage vor dem Ende aller Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs zerstörte Teile der Fabrik erheblich. Die Ursache - Unfall oder Sabotage (Revolution, 2 Tage vor dem Waffenstillstand) - war nicht mehr zu ermitteln. Die jüngsten Opfer waren 15 und 16 Jahre alt. Die meisten Toten wurden auf dem Friedhof in Wahn beigesetzt, die Gedenkstätte mit den Gräbern gibt es noch heute.
Die Beerdigung der Opfer des Wahner Explosionsunglücks gestaltete sich zu einer eindrucksvollen, den vielen Teilnehmern unvergeßlichen Kundgebung. Das Massengrab war am Boden und an den Wänden mit frischem Tannengrün geschmückt. Etwa 60 schlichte schwarze Särge standen in dem Grabe. Der Gesangsverein der Dynamitfabrik sang mehrere Choräle. Ansprachen hielten Pfarrer Bosch (Wahn) und Pfarrer Mühlendyk (Porz).[6]
- 1919, 5. August: Explosion mehrerer Minen, Schäden an Gebäuden, Fenster in der weiten Nachbarschaft gingen zu Bruch; keine Verletzten
- 1919, 16. Oktober: Explosion im Granatenzerlegungsbetrieb
- 1922, 6. März: Brand mit Verpuffung in der Zumischpulverfabrik
Das Giftgas-Erbe[Bearbeiten]

Beim Abriss der Betriebsanlagen im Jahr 1929 gab es noch große Bestände von Kampfgas (CLARK II) auf dem Grundstück, die im Auftrag der französischen Besatzungssoldaten um 1920 einfach vergraben worden waren. Das in Flaschen abgefüllt Blaukreuz wurde schon früher in vier Meter tiefen Gruben gelagert. 1925 scheiterte der Versuch, die Kampfstoffe zu verbrennen. Denn ein Windwechsel hatte die Wolken aus dem Kamin direkt in das Dorf Wahn geblasen und führte dort zu Brechreiz und Augenschädigungen. 1928 stritten sich die Behörden um die Beseitigung: Das Reichsfinanzministerium wollte den Kampfstoff in der Nordsee versenken, das Reichswehrministerium lehnte dies ab. So wurden der Kampfstoff 1929 vor Ort rund 400 Meter vom Scheuerteich entfernt vergraben. Hierzu gossen Arbeiter in acht Meter Tiefe zunächst ein 30 cm hohes Zementfundament auf eine 30 cm hohe Tonschicht. Darauf setzten sie zwei drei Meter hohe Betongefäße mit 8 Meter Seitenmaßen. Die Wände waren 50 cm stark und innnen geteert. In einen dieser Betonsärge lagerten sie 20 Tonnen Diphenyl-Arsen-Cyanid in Flaschen, zudem Flaschenscherben und durchtränkte Erde ein. In den anderen Betonsarg kam wohl ausschließlich verseuchtes Erdreich, darauf drei Meter hoch reines Erdreich. Bei der Umlagerung gingen wohl etliche Flaschen zu Bruch. Daher berichtete der betreuende Arzt Dr. Bange später von zahlreichen erkrankten Arbeitern, die sich trotz Gasmasken, Schutzbrillen, Handschuhen und Gummistiefeln kontaminierten.
1971 konnte zunächst niemand mehr sagen, wo genau sich die Lagerstätte in der Umgebung des damaligen Instituts für Raumsimulation der DLVLR befindet ("keine 50 Meter entfernt"). Zwar gab es Akten, aber Grabungen in einem umzäunten Areal blieben ergebnislos.[7] Das Areal unterlag bereits damals ständigen Überprüfungen durch Messungen und Bodenproben, die keine Auffälligkeiten zeigten. Vier Jahre und einige Monate später rückte der Kampfmittelräumdienst aus Düsseldorf an. Die Spezialisten orteten die Betonsärge und räumten sie im Januar 1976 vollständig aus. Rund 175 m³ kontaminiertes Material aus drei Kammern wurde in über 1.000 Fässer verfüllt und in einem hessischen Kalibergwerk bei Bad Hersfeld[8] in 800 Meter Tiefe für die Ewigkeit deponiert[9]. Über der tiefen Grube in Wahnheide auf dem Gelände des heutigen DLR entstand nach dem Abbrennen der Kavernenwände und dem Verfüllen mit Ton ein Parkplatz.
Denkmäler[Bearbeiten]
Die frühere Direktorenvilla der Dynamitfabrik und der Wasserturm sind in der Linder Höhe heute noch erhalten, beide wurden im Jahr 2000 unter Denkmalschutz gestellt (Nr. 8484).
Quellen, Literatur und Links[Bearbeiten]
- Zado, R.: Für den Krieg. Die Dynamitfabrik in Lind. 2010. (Aufsatz in Sammelwerk)
- Trimborn, Friedrich: Die Explosivstoffindustrie im rechtsrheinischen Köln. In: Rechtsrheinisches Köln 29.2003
- Wikipedia: Gaskrieg während des Ersten Weltkriegs [Link]
- ↑ Kölnische Zeitung v. 17.6.1893.
- ↑ Der Chemiker Heinrich Richard Georg Krauß war zuvor im Sprengstoffwerk Schlebusch tätig. Bereits im Juli 1911 wurde er in den Gemeinderat von Wahn gewählt.
- ↑ Der Chemiker Johann (Hans) Mettegang stammte aus Köln und hatte 1999 Käthe Scheidt aus Köln geheiratet. Vor Lind arbeitete er wie Krauß auch in der Sprengstoff-Fabrik in Schlebusch, dort hatte er seit 1895 bis 1914 als Mitarbeiter von Christian Emil Bichel den Sprengstoff TNT entwickelt und hergestellt. Die Familie wohnte auch nach der Schießung der Fabrik weiterhin in Wahn.
- ↑ Am 22. April gegen 18 wurden im Beisein Habers 6.000 Stahlflaschen geöffnet. Eine 5 km breite Wolke aus 150 Tonnen Chlorgas, beigemischt 5% Phosgen, zog über die französischen Schützengräben, in denen Franzosen, Algerier und Kanadier ohne Atemschutz lagen. Viele Soldaten flohen zu spät, wodurch rund 1.500 von ihnen starben.
- ↑ Erste Pressemeldungen von 200 Toten wurden vom Werk später auf 76 korrigiert, vgl. Kölner Lokal-Anzeiger v. 24.11.1918.
- ↑ Westdeutsche Landeszeitung v. 25.11.1918.
- ↑ vgl. KStA Porz v. 13.11.1971 (mit historischen Fotos).
- ↑ Der Name des Bergwerks wurde damals nicht genannt. Vermutlich handelt es sich um den stillgelegten Schacht Herfa-Neurode in Osthessen, dessen Giftmüll-Deponie 1972 eröffnet wurde.
- ↑ vgl. KStA Porz v. 7.1. und 14.1.1976 (mit Fotos).