„Der Sommer meiner Mutter“

Neuer Roman von Ulrich Woelk

Wenn es um Kultur geht, steht Porz nicht gerade im Rampenlicht. Deshalb ist es durchaus bemerkenswert, dass in einem neu erschienenen Roman unser häufig als nachrangig empfundener Stadtbezirk zum literarischen Schauplatz wird: Ulrich Woelk, in Zündorf aufgewachsen aber seit langem in Berlin lebend, hat sein neuestes Buch „Der Sommer meiner Mutter“ in seinem Heimatort angesiedelt.

„Wir wohnten in einem Ort am Stadtrand von Köln, dessen einst dörfliche, landwirtschaftlich geprägte Struktur damals noch erkennbar war. Um eine kleine romanische Kirche und eine neuere, größere aus Backstein scharten sich zum Rhein hin sieben oder acht enge Gassen mit niedrigen Fachwerkhäusern. Manchmal, wenn der Wind von Westen oder Südwesten wehte, konnte ich in meinem Zimmer die Kähne auf dem Rhein tuckern hören. Dem Flussbett vorgelagert waren zwei schmale Weiher mit unbefestigten Ufern, die sich aus alten Rheinarmen gebildet hatten und im Frühjahr regelmäßig überschwemmt wurden.“

Die Geschichte spielt im Sommer 1969 und erzählt von der Begegnung verschiedener Welten: Die beiden Apollo-Missionen faszinieren und werden auch am Rhein als Fernseh-Ereignisse verfolgt. Während Menschen sich in den Weltraum vorwagen, machen sich im katholisch geprägten und eher konservativen Köln zudem gesellschaftliche Umwälzungen bemerkbar: Studenten demonstrieren in der Innenstadt, Frauen tragen Jeans und rauchen in der Öffentlichkeit, die Doors und Janis Joplin treten in Konkurrenz zum deutschen Schlager.

Ulrich Woelk (Foto: © Bettina Keller)

Die Hauptfigur Tobias ist elf Jahre alt und wohnt mit den Eltern im oben beschriebenen Vorort – nach außen hin die perfekte Kleinfamilie mit klarer Rollenverteilung: Der Vater Ingenieur, die Mutter Hausfrau, der Sohn ganz geprägt von der technisch-pragmatischen Intelligenz seines Vaters. Sie führen ihr „Leben mit Waschbetonterrasse, Zentralheizung und Doppelgaragenanbau“ neben der noch bäuerlich anmutenden Welt im Dorf und fühlen sich modern. Aber es gibt auch Unstimmigkeiten zwischen den Eltern und Tobias bekommt mit, dass sie damit zu tun haben, dass die Mutter „es“ nicht so öft möchte wie der Vater und er ihr vorwirft, dass sie nicht mehrere Kinder haben „wie andere Ehepaare auch.“

Im Frühjahr zieht im Nachbarhaus eine etwas andere Kleinfamilie Leinhard ein: Der Vater Philosophiedozent, die Mutter Übersetzerin und die zwölfjährige Tochter Rosa, alle drei von linksintellektueller Weltoffenheit und politisch denkend. Erstaunlicherweise freunden sich die Elternpaare schnell an und auch der eher kindliche Tobias und die frühreife Rosa verbringen gern Zeit miteinander.

Tobias Aufmerksamkeit pendelt zwischen seinen Raumfahrtträumen und den Gefühlen und Gedanken, die Rosa in ihm weckt. Das Gefüge der Erwachsenenwelt, die er bisher als statisch und verläßlich wahrgenommen hat, gerät in Bewegung: Die Mutter entwickelt durch das Beispiel von Frau Leinhard eigene berufliche Ambitionen und macht häufiger kein Abendbrot mehr. Der biedere und vernünftige Vater fühlt sich zur Nachbarin hingezogen, die sich ganz im Hippie-Stil kleidet und feministische Standpunkte vertritt. Und der bewunderte Onkel Hartmut, ehemaliger Kampfpilot und Unternehmer, versteht sich wider Erwarten mit dem kommunistisch denkenden Dozenten – beide sind Schalke-Fans. Die Möglichkeiten scheinen plötzlich erweitert – auch für neue erotische Konstellationen. Man trifft zusammen auf Gartenpartys und gemeinsamen Fernsehabenden, man diskutiert über Politik und Philosophie, über Emanzipation oder Sexualerziehung und begegnet sich dabei scheinbar tolerant.

Die neuen Einflüsse in seinem unmittelbaren Umfeld ziehen Tobias an, doch manches empfindet er auch als bedrohlich. Vor allem dass die Mutter nun eigene Interessen entwickelt, sieht er wie sein Vater kritisch. Hinzu kommt die emotionale Verwirrung, in die Rosa ihn bringt. Tobias ist noch zu jung, so viele Widersprüche auszuhalten und wird so unfreiwillig zum Katalysator einer tragischen Entwicklung, die schnell kulminiert.

„Der Sommer meiner Mutter“ handelt nur am Rande von der Mutter und ihrer Sicht der Dinge. Die kommt erst zur Sprache, als sich eine Trennung vom Vater nicht mehr vermeiden lässt und die Konventionen und der rheinische Katholizismus wieder die Übermacht gewinnen. Nicht zufällig wird Heinrich Böll, dessen Werk gegen diese konservative Prägung offensiv Stellung bezieht, als Lektüre der Mutter erwähnt. Die Zusammenhänge wird Tobias erst als Erwachsener einordnen können. Die Liebe zur Astronomie hat er dann zu seinem Beruf gemacht und sich damit ausgesöhnt, dass im Sommer 1969 seine bisherige Welt aus der Bahn geraten ist.

Ulrich Woelk lässt Tobias seine Geschichte in einem sehr sachlichen und schnörkellosen Ton erzählen. In manchen Dialogen der Erwachsenen, die Tobias lakonisch wiedergibt, blitzt Humor auf. Die vielfältigen Rekurse auf Vulkane, Planeten und die Raumfahrt sind nicht nur eine Referenz des Autors an das 50. Jubiläum der Apollo-Missionen 10 und 11, sondern mit ihnen erschafft er auch eine poetische Dimension. In diesem Buch hat der Schriftsteller und Astronom Ulrich Woelk seine beiden beruflichen Schwerpunkte wohl am offensichtlichsten zu einer Symbiose gebracht und gleichermaßen ein detailliertes Zeitportrait und eine berührende Geschichte geschrieben.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter. München, C.H. Beck, 2019.19.95 Euro.

 

 

 

 

 

  1 Kommentar zu “„Der Sommer meiner Mutter“

  1. Wickenhäuser
    1. Februar 2019 um 07:02

    Die Rezension macht neugierig

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