Rheinische Weinessig- und Konservenfabrik

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Gründungseintrag Porz, Kölnische Zeitung v. 11.5.1899

Gründung[Bearbeiten]

Ansichtskarte um 1916, Serie 426
Ansichtskarte um 1916, Serie 464
Ansichtskarte um 1916, Serie 426

Georg Seidel jun. (1870-1935) betrieb seit 1897 in Köln-Ehrenfeld eine Weinessig- und Essigsprit-Fabrik, die er von seinem Vater Georg sen. übernommen hatte (Nr. 6865)[1]. Bereits im Januar 1898 firmierte die Firma in den Familienbetrieb "Georg Seidel & Cie." (Nr. 4279) unter Beteiligung auch von Joseph Seidel (1877-1919)[2], um. Georg Seidel heiratete im April 1899 die Porzerin Mathilde Keusch (1876-1927), Christian Keusch war somit sein Schwiegervater. Joseph Seidel heiratete 1901 Agnes, geb. Giersberg aus Bickendorf, sie lebten in Ehrenfeld.

Auf einem Grundstück an der Hauptstraße Nr. 96-98 (heutige Lage Höhe 408-410) in Porz stand die Villa von Heinrich Seidel. Hier gründete Georg am 1. Mai 1899 eine Konservenfabrik, zunächst unter dem Firmennamen Rheinische Weinessig-Fabrik Georg Seidel (Nr. 355). Zugleich schied er aus der Ehrenfelder Firma aus und die Familie zog von Ehrenfeld nach Porz. 1903 hieß dann Unternehmen nun Rheinische Weinessig- und Konservenfabrik Gg. Seidel.

Produktion und Produktionsbedingungen[Bearbeiten]

Das Sortiment umfasste Konserven mit eingemachten Gurken und Bohnen, Gemüsekonserven, Sauerkraut, Weinessig, Essigsprit, Senf und Marmeladen und Früchtekonserven. Zum Teil wurden Obst und Gemüse auf eigenen Plantagen direkt in der Umgebung angebaut. In der Produktion beschäftigte die Firma weitgehend Frauen aus der Nachbarschaft. Routinekontrollen und Ermittlungen entdeckten wiederholt Gewerbevergehen. 1904 wurden "13jährige Kinder länger als 6 Stunden und 14jährige Kinder länger als 10 Stunden im Fabrikbetrieb beschäftigt", zudem wurden "diesen Kindern auch nicht eine volle halbstündige Vor- und Nachmittagsruhepause gewährt", Seidel erhielt vom Gericht 50 Mark Geldstrafe.[3] Im Frühjahr 1908 zahlte der Fabrikant eine Strafe von 20 Mark "wegen Beschäftigung von Schulkindern in seinem Fabrikbetriebe mit Bohnenabziehen und Zwiebelspülen".[4] Zur Jahresmitte 1908 waren bei Seidel unangemeldet 14- bis 17-jährige Mädchen tätig und verbotenerweise sogar Dreizehnjährige. Die Mädchen arbeiteten werktags von 7 bis 19 Uhr mit zwei Stunden Pause. Als zudem amtlicherseits feststellt wurde, dass die Arbeitszeit des Büropersonals werktags von 5 bis 21 Uhr dauerte und gelegentlich auch an Sonntagen gearbeitet wurde, erhielt Seidel eine Strafanzeige wegen Gewerbevergehens.
Im Sommer 1909 beschwerten sich offiziell Anwohner und die Firma Himmelreich über unerträgliche Gerüche. Eine Inspektion des Kreisarztes deckte unhygienische Zustände in der Fertigung auf: Der Arbeitsraum war stark verschmutzt, der Gärraum war ohne Zementbelag, Wachraum und Aborte ebenfalls schmutzig. Selbst von den Arbeiterinnen hatten einige schmutzige Arbeitskleidung; diese war durchgehend eigene Kleidung, nur vereinzelt gab es Gummischürzen. Ursächlich für den Gestank aber war eine nicht genehmigte, im Sommer gärende Grube hinter dem Produktionsgebäude. Sie wurde nie gereinigt, nahm aber sämtliche Gemüseabfälle und Abwässer der Fabrik auf. In der Folge musste Seidel eine Kläranlage bauen[5].

Entwicklung in Porz[Bearbeiten]

Im Februar 1906 firmierte das Unternehmen um. Nachdem der Ehrenfelder Betrieb "Georg Seidel & Cie." in neue Hände überging, beteiligte sich nun Joseph Seidel an der Porzer Fabrik. Es entstanden die Vereinigte Konserven- und Weinessig-Fabriken vormals Georg und Joseph Seidel GmbH (HR B45, Später 2200) mit einem Stammkapital von 160.000 Mark. Bereits um 1905 hatte Joseph Seidel in Finthen bei Mainz auf einem Mühlengelände seine Konservenfabrik Rhenania aufgebaut, die er nun zu einem Wert von 50.000 Mark unter Ausschluß der Immobilien in die neue Gesellschaft einbrachte.[6] Der weitere Ausbau des Werkes im sich entwickelnden Porzer Zentrum stieß auf Widerstand. Ein geplantes Anschlussgleis an die Vorortbahn scheiterte im Februar 1914 zunächst an der Weigerung der Gemeinde, die Kreuzung der neuen Josefstraße zu erlauben, erst im April 1916 wurde das Vorhaben dann gestattet. Die Produktion in Porz bestand wohl bis in den Ersten Weltkrieg hinein. Um 1916/17 engagierte sich Georg Seidel noch von Porz aus in der Kriegshilfe und erhielt hierfür das entsprechende Verdienstkreuz. Im Juli 1916 meldete eine Tageszeitung noch, dass "mehrere Fabrikgebäude seitens der Firma Vereinigte Konserven- und Weinessigfabriken gegenüber der kathol. Pfarrkirche ihrer Vollendung entgegen" gehen.[7] Das Nachbarunternehmen Himmelreich nutzte jedoch wohl bereits 1917 große Teile des Betriebsgeländes und baute die Gebäude zu Lagerräumen um. Vermutlich hatte vorher der Düsseldorfer Süßwarenfabrikant Edmund Münster die Porzer Konservenfabrik samt ihrer Immobilien aufgekauft. Er baute die Fabrik aber nicht zu einer weiteren Süßwarenfabrik um, sondern vermietete die Räunme weiter an die Firma Himmelreich. Nach Kriegsende wurde die Firma Seidel im Januar 1919 auch rechtlich aufgelöst, während Edmund Münster noch 1925 unter der Adresse Hauptstraße als Eigentümer einer Konserven-, Marmeladen- und Essigfabrik im Adressbuch Köln geführt wurde.

Die Werke in Finthen und Sechtem[Bearbeiten]

Joseph Seidel zog, bereits durch eine Krankheit geschwächt, mit seiner Familie nach Finthen, wo er bereits im März 1919 mit 42 Jahren starb. Georg Seidel gründete in Bad Godesberg mit seinem Sohn Georg jun. (*1899) die "Rheinische Konvervenfabrik Georg Seidel & Co. GmbH" (Handelsregister Bonn Nr. 623). Das Unternehmen vertrieb zunächst nur Konserven, bevor 1925 in Bornheim-Sechtem wieder eine Konservenfabrik errichtet wurde. Die Familie lebte weiter in Bad Godesberg. In den 1920er Jahren trennten sich damit die Wege der beiden Familien. Aus dem Werk in Finthen schied Georg Seidel 1925 als Generaldirektor aus, es wurde nun nur noch von den Erben Joseph Seidel weitergeführt. Allerdings wird das Unternehmen 1926 bereits unter staatliche Geschäftsaufsicht gestellt. In späteren Jahrzehnten hieß das Unternehmen dann "Konservenfabrik Finthen KG, Steitz, Pfeifer & Co.". In Finthen befand sich auch das Familiengrab Joseph Seidel.

Quellen, Literatur, Links[Bearbeiten]

(Text)

  1. vgl. Kölnische Zeitung v. 29.7.1897
  2. vgl. Kölnische Zeitung v. 15.1.1898.
  3. Volksblatt für Bergisch Gladbach und Umgegend v. 10.5.1904.
  4. Bergisch Gladbacher Volkszeitung v. 31.3.1908.
  5. vgl. Gebhard Aders: Porz um 1910. In: Rechtsrheinisches Köln 12.1986, S. 121ff.
  6. vgl. Kölnische Zeitung v. 3.3.1906.
  7. Kölner Lokal-Anzeiger v. 22.7.1916.