Neuerscheinung: Der Affe zu Köln

„Als Entertainer gefeiert, als Psychopath weggesperrt, als Ausbrecher erschossen, als Märtyrer verehrt.“ Die Geschichte des Schimpansen Petermann, der von etwa 1950 bis 1985 dem Kölner Zoo anvertraut war, lässt sich in diesen Stationen zusammenfassen. Der Kulturjournalist Walter Filz hat  in seinem neu erschienenen Buch „Der Affe zu Köln“ die Umstände von Petermanns Leben und Sterben ausführlich dokumentiert und analysiert dabei treffsicher und scharfzüngig den gesellschaftlichen Rahmen des Geschehens. Seine These: Der Fall Petermann ist so nur in Köln möglich. Am Umgang mit dem Affen offenbart sich die Kölsche Mentalität.

Um 1950 – exakte Buchführung über den Bestand an Tieren war seinerzeit im Zoo nicht gängig – kam Petermann unter Zoodirektor Werner Zahn (1938-1951) noch als Affenbaby nach Köln. Damals war artgerechte Tierhaltung noch ein Fremdwort;  im Zoo jedenfalls fand man es angemessen, den Affen zu bekleiden und ihm vor Publikum mit Teller und Löffel seinen Brei zu servieren. Er wurde – auch unter Mitwirkung der Presse – schnell zum Liebling der Zoobesucher und dann auch vom Unterhaltungs-Betrieb der Stadt in Dienst genommen. An Silvester 1952 absolvierte er unter Zoodirektor Wilhelm Windecker (1952-1975)  mit Frack, Zylinder und Sektglas einen Auftritt im Fernsehen. In der Session 1953/54 tourte er mit dem Büttenredner Peter Schuhmacher durch den Sitzungskarneval. Die Kölner sahen ihn als Komiker „eine Art nonverbaler Heinz Ehrhardt“, er spielte Köbes in Kölner Kneipen und tanzte im Ballett. Das entsprach der Gemütsverfassung der jungen Wirtschaftswunderrepublik ebenso wie dem Kölschen Humor, dessen Analyse der Autor auch ein Kapitel widmet: „Beherzte Krawalligkeit gehört zum Kölner Frohsinn ebenso wie eine gewisse Kindlichkeit, genauer gesagt: Frühkindlichkeit.“

Aber die Freude dauerte nur ein paar Jahre: Parallel zu den Halbstarkenprotesten, die die Republik verstören, kommt auch Petermann in die Pubertät:  wird desinteressiert, unzuverlässig und deprimiert. Seine Tragik: „Ein Affe ist er nicht mehr – ein Mensch kann er nicht werden.“ Als er 1959 „vor den Augen der Weltöffentlichkeit“ ein Postsparbuch eröffnet, muss er bereits gedoubelt werden. Bis zu seinem Ausbruch im Jahr 1985, in dessen Folge er den Zoodirektor Gunther Nogge (1981-2006) schwer verletzt und dann selbst erschossen wird, vegetiert der Schimpanse in einem 10,5 qm großen Käfig. Im selben Jahr weiht der Zoo sein neues Urwaldhaus für Menschenaffen ein.

Keine Geschichte ohne Ironie: In der Kölner Alternativszene avanciert Petermann zur Kultfigur – der Dressierte und Domestizierte, das Opfer des Systems, „der einzige Kölner Prominente, der erschossen wird.“ Der Slogan „Petermann geh Du voran“ wird auf Mauern gesprüht. Der Autor resümiert „Die Kölner Sofarevolutionäre haben die aktivistische Bewegung erfolgreich an einen toten Affen delegiert.“

Das Buch ist eine brilliant formulierte und komponierte Zeitgeist-Analyse und trotz der traurigen Geschichte vergnüglich zu lesen. Der Autor stellt Petermanns Leben in einen breiten kulturhistorischen Zusammenhang und kommt immer wieder zum zentralen Motiv – der Umgang der Kölner mit dem Fremden, Exotischen – zurück. „Der Affe zu Köln ist der Affe im Kölner, das Wilde, das immer wieder hochkommt…“

Mit vielen Zeitungsausschnitten und Fotos illustriert. 240 Seiten. Greven-Verlag Köln, 16,90 Euro

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